Zweifel

Meine Texte sollen nicht geglaubt, sondern verstanden werden. Und wenn die Leser sie verstanden haben, ist das noch lange nicht das Ende. Jeder Text, nicht nur einer von meinen, sondern jeder Text ist, wie übrigens auch jedes, wirklich jedes Erleben, eine Einladung zu Selbstreflexion.

Es beginnt normalerweise – leider – meist damit, dass man sich unmittelbar mit dem Gelesenen auseinandersetzt. Doch habe ich es dann schon verstanden? Ich denke nämlich nicht. Was ein anderer gesagt hat, habe ich erst dann verstanden, wenn er mir zunickt und sagt, dass ich seine Gedanken richtig interpretieren würde. Dann und nur dann habe ich ihn verstanden. Doch etwas verstanden zu haben bedeutet ja nicht, dass ich damit einverstanden wäre.

Wenn mein Nachbar einen Schrank zusammenbaut und ich das Gefühl habe, dass er eine Latte zu lang abgesägt hat, dann diskutiere ich nicht darüber, sondern hole eine Zollstock und messe nach. Ich akzeptiere also erst einmal seine Aussage – und messe dann nach. Bei Zentimeterangaben ist es leicht zu verstehen, was gemeint ist. Bei Meinungen ist das oft schon schwieriger. Aber hier gilt das selbe Prinzip. Erst muss ich verstanden haben, etwa so: „Du meinst, das sollen  50 Zentimeter sein?

Dann, aber erst dann, kann ich den Zollstock holen und nachmessen. Mit anderen Worten: Erst wenn ich aus seiner Aussage die Fakten herausdestilliert habe – das brauche ich nämlich, um ihn zu verstehen – dann kann ich die Fakten selbst interpretieren. Und bin dann mit seiner Interpretation der Faktenlage einverstanden – oder eben auch nicht. Darüber, also über die Interpretation der Fakten, kann man dann reden. Oder man muss das auch, jedenfalls finde ich das, wenn einem die Beziehung etwas wert ist. Jedenfalls über die Geschichten, die jemand erzählt, kann man, wenn man es genau betrachtet, nicht reden. 

Also erst einmal selbst verstehen, die Fakten heraus destillieren um sie dann zu verifizieren und sie selbst zu interpretieren, um sich auf der Faktenlage eine eigene Meinung bilden zu können. Dass Meinungen bei identischer Faktenlage sehr unterschiedlich sein können, wird ja in der Konvention gerne ausgeklammert und negiert, denn in der Regel hebt das das Wir-Gefühl nicht. Es macht eben einen Unterschied, welche Ebene einem wichtig ist: Emotionen oder Denken?

Da ich mittlerweile das Denken als die Ursuppe schlechthin erkannt zu haben glaube, liegt es auf der Hand, wie ich meine Priorität setze. Auch eine Aussage, die man gut verifizieren kann – wenn man denn will und bereit ist, die eigenen Denkstrukturen in Frage zu stellen, also anzuzweifeln – ohne gleich in Panik auszubrechen.