Selbstbetrachtung

Mein steiniger Weg zur Friedfertigkeit. Wie dieser Weg für einen anderen aussieht, kann ich nicht sagen. Geht ja nicht. Für mich begann es mit der Erkenntnis oder dem Wissen, dass mein Vater die Ideologie des „Dritten Reichs“ auf der medizinischen Ebene mitgetragen und aktiv unterstützt hat. Er war ganz einfach dabei.

Erkennen und akzeptieren, was war

Der erste Schritt auf meinem Weg war, dies zu akzeptieren, aber da nicht stehen zu bleiben. Denn das hätte bedeutet, bei dem grausamen Geschehen stehen zu bleiben. Damit hätte es dann geendet und wäre für mich auch so geblieben. Eine grausige Vorstellung, aber nichts, was ich lösen könnte. Doch das hieße, dass es sich jederzeit wiederholen könnte. Auf dieser Ebene kann ich das „Wieso“ nicht verstehen, ich sehe nur seine Taten.

Das „wieso“ beantworten

Dann kam der nächste Schritt. Ich suchte herauszufinden, welche Denkfehler meinem Vater (und nicht nur ihm) unterlaufen sind. Nicht was er gedacht hat, das kann ich nicht sagen und auch nicht, weshalb er es getan hat. Doch es war mir möglich, einige dieser Denkfehler zu erkennen. Das war für mich der nächste Schlag, denn es waren offensichtlich ganz banale Denkfehler, wie der naturalistische Fehlschluss. Er hat nicht gesehen, was wirklich war, sondern was er für wirklich annahm.

Weitergehen

Auf dieser Ebene stehen zu bleiben wäre gefährlich, denn das könnte leicht zu Rechtfertigung seines Tuns führen, haben doch sehr viele die gleichen gedanklichen Fehler begangen. An dieser Stelle entsteht ein gewaltiger Widerspruch zwischen der Banalität des Denkfehlers und der Grausamkeit der daraus folgenden Konsequenzen.

Das Erbe

Würde mein Vater noch leben, dann wäre es seine Aufgabe, diesen Widerspruch aufzulösen, wenn das überhaupt denkbar ist. Hier geht es jedoch allein um seine Schuld und seine Verantwortung. Nur bedeutet das nicht, dass es damit für mich erledigt wäre, denn seine Geschichte ist mein Erbe. Daher ist der nächste Schritt, den Widerspruch bei ihm zu lassen, was aber nicht heißt, mich umzudrehen und einfach weiter zu gehen. Da ist ja dieses Erbe.

Was steckt davon in mir?

Daher war der konsequente nächste Schritt zu erkennen, welche gedanklich-intelektuellen Elemente ich mit diesem Erbe übernommen habe, durch Gene, Epigenetik, Kultur und Erziehung. Das Erbe besteht ja nicht (nur) aus materiellen Dingen, sondern vor allem in seiner geistig-intellektuellen Haltung. Und die habe ich nun einmal übernommen, zwar teilweise selbst „modifiziert“, aber den Kern habe ich erst einmal adaptiert, jedenfalls so lange ich mich damit nicht bewusst auseinandersetzte.

Verantwortlichkeit

Hier geht es nicht mehr um seine, sondern um meine Verantwortlichkeit. Ich trage die Verantwortung, das Denken zu beenden, das das „Dritte Reich“ möglich gemacht hat – und die ich in modifizier Form geerbt habe. Es geht dabei beispielsweise nicht um mein Verhältnis gegenüber einer bestimmten Personengruppe, sondern um das Denken mit dem Element der Trennung.

Die Form meines Denkens

Es betrifft also die Form meines Denkens, die ja den Inhalt bedingt.  Sich nur mit den Inhalten zu beschäftigen verschleiert die eigentlichen Ursachen. Die Frage ist daher, sehe ich, was wirklich ist, oder sehe ich nur meine Ansichten? Die Liste solcher gedanklicher Fehlannahmen ist lang. Meine Verantwortung liegt also in der einen Frage: Denke ich korrekt? Das ist die Basis, die notwendig ist, aus der alten Denke auszusteigen.

Das notwendige Wissen

Diese „Basis“ braucht ein Fundament, und das ist das Wissen über Wahrnehmung und Wirklichkeit, aber ein sehr grundsätzliches Wissen. Wie hängt beides zusammen? Ohne dieses Wissen kann ich nicht korrekt denken. Nicht absolut, das werde ich nie können, aber eben bestmöglich. Dazu gehört, alles Existierende als einen in sich verwobenen Prozess zu erkennen und zu sehen; wahrzunehmen, dass nichts aus sich selbst heraus existiert, vielmehr alles miteinander verbunden ist, mehr noch, dass alles Eins ist, nur differenziert.

Prozesshaftes Miteinander

Wenn ich das verstehe und auch lebe, dann werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach friedfertig sein, denn das ist meines Erachtens nach die logische Folge eines solchen Denkens. Das ist meine Aufgabe, die sich aus der Geschichte meiner Familie ergibt: Lebe ich im Einklang mit der Wirklichkeit? Denn in der herrscht nicht das Recht des Stärkeren, sondern ein prozesshaftes Miteinander. Obwohl diese Formulierung viel zu schwach ist.

Wir sind das Ganze

So wie meine Leber, mein Magen, mein Herz oder was auch immer nicht miteinander verbunden sind, sondern „nur“ voneinander differenziert. Nur zusammen ergibt das alles Sinn, es ist ein Ganzes, eben in sich differenziert. Das einzelne Organ ist für sich selbst gesehen ziemlich sinnlos. Und so ist auch die Menschheit. Der Einzelne ist zwar wichtig, aber nur zusammen mit allen anderen.

Das Gefängnis der Meinungen verlassen

Aber zurück: Die Frage ist, wie wir wie im Flow denken können, also nicht bewusst. Denn dann löst sich die Frage nach Gut oder Böse, genauso wie die nach richtig oder falsch von selbst auf. Gerade habe ich dieses Koan von Sōtetsu Yūzen gelesen:

Der Mönch Muhan fragte:Der eine, der jenseits von Gut und Böse ist – erlangt er Befreiung?
Chao-chou Ts’ug-shen meinte: Nein.
Muhan fragte: Warum nicht?
Chao-chou Ts’ug-shen sagte: Weil er sich innerhalb von Gut und Böse befindet.

Denken durch NichtDenken

Das bedeutet für mich, dass all das, was ich hier über Friedfertigkeit geschrieben habe, nicht etwa vergessen können muss, sondern ich muss es ohne jegliches Nachdenken anwenden können, ohne dass auch nur ein einziger Gedanke dazu aufkommt.