Zen und die Physik

Wenn wir die Philosophie des Zen mit der der modernen Physik vergleichen, also nicht mit Newtons Physik, und nach Unterschieden suchen, werden wir letztlich nur marginale Differenzen finden. Was von aller Theorie bei beiden zum Schluss bleibt, das ist das, was wir üblicherweise unter dem Begriff „Geist“ subsumieren. Dabei dürfen wir nicht nach außen, sondern müssen nach innen schauen und genau registrieren, was da passiert. 

Die Philosophie des Zen lehrt uns als erstes, dass der Weg zur Erkenntnis in der Versenkung besteht, der Versenkung in den (eigenen) Geist. Nicht Dogmen und Schriften sind entscheidend, sondern die konkrete, eigene Erkenntnis, zu der man durch konsequentes Untersuchen gelangt. Denn die Wirklichkeit lässt sich nicht definieren, sondern nur beschreiben. Je präziser wir das eigene Verhalten untersuchen, desto weniger finden wir. Eine Erkenntnis, die verstanden sein will.

Zen zeigt uns nur den Weg, den man gehen sollte, nicht mehr. Zen kann man nicht logisch erklären, man kann es nur selbst erleben. Auch wenn Zen keine Religion ist, hat es doch eine eigene Ethik, die sich konsequent aus dem Verständnis ergibt, dass alles im Universum vernetzt ist. Und genau das Selbe  haben auch die Physiker erkannt.

Zen lehrt also zwei Dinge: Zum einen lehrt Zen nichts, es weist nur den Weg; zum anderen lehrt es alles, da es einen Innen- und Außenwelt als eines zu erkennen hilft. Daher kann man Zen nicht lehren, es können nur die Voraussetzungen für spontane, intuitive Erkenntnisse und Einsichten geschaffen werden, um letztlich die Illusion eines „Ich“ zu überwinden, was Vergangenheit und Zukunft ihre Bedeutung nimmt. 

Und die Physik, genauer die Quantenmechanik? Auch hier hat man das „Problem“, wie im Zen, dass man Dinge auswendig lernen kann, ohne sie wirklich verstanden zu haben. Zwar kann ich den Ablauf eines Doppelspaltversuchs darstellen, aber was das bedeutet, das kann ich nicht vermitteln, da die Logik solche Gedanken nicht zu transportieren ist. Das braucht die spontane, intuitive Erkenntnis. Und auch die moderne Physik hat erkannt, dass sich die Wirklichkeit nicht definieren, sondern nur beschreiben lässt. Und dass Materie letztlich Geist ist, selbst wenn sie, jedenfalls zur Zeit, noch keine abschließende Antwort auf die Substanz des Universums geben kann und auch nie geben können wird. Einig ist man sich nur, dass das nichts ist, das man in die Hand nehmen könnte.

Letztlich hat die moderne Physik die Gedanken des Zen bestätigt, mit einer Ausnahme, wo sie über Zen hinausgeht, nämlich dass es tatsächlich objektiven Zufall gibt. Erwin Zeilinger hat den Gedanken postuliert, dass Information das Universum ausmacht – und was ist das anderes als die erste Konkretisierung von Geist? Einig sind sich die Physiker darin, dass man die Quantenmechanik nicht anschaulich darstellen kann – so wenig wie man die Erleuchtung des Zen darstellen kann.

Für die moderne Physik gilt, wie für Zen, dass Ursache und Wirkung keine Rolle spielen. Die Dinge sind zwar bedingt, aber was kommen wird, ist offen, an die Stelle der Determination tritt die Möglichkeit. Materie und Energie sind nicht nur unterschiedliche Seiten des Selben, sondern Raum, Zeit und Masse beziehungsweise Energie bedingen sich gegenseitig. Bei beidem, bei Zen wie bei der modernen Physik, geht man davon aus, dass derjenige, der keine Schwierigkeiten hat, diese Gedanken von Anfang an zu akzeptieren, sie wohl nicht verstanden hat. Auch Einstein hat bis zu seinem Ende mit den Konsequenzen der Quantenmechanik gehadert. In diesem Zusammenhang fiel der berühmte Satz, dass „der Alte (Gott) ja nicht würfle“. Daran kann man ermessen, welche Schwierigkeiten die Menschen haben müssen, wirklich haben müssen, diese Gedanken zu denken.

Einstein wurde wegen seiner Entdeckung von vielen gefeiert, doch das heißt nicht zwingend, dass die ihn auch verstanden hätten. Es war wohl eher die Möglichkeit, dem Alltag für einen Moment gedanklich zu entfliehen. Und mit Zen ist das oft genauso, ein persönliches Ablenkungsmanöver. Darum wird nur der tiefer in die Materie eindringen, der sich nicht davon beirren lässt, dass er es nicht spontan verstehen kann, sondern es einfach wissen will. Es geht ja nicht um etwas, das man lernen könnte, sondern darum, das eigene Erleben zu untersuchen. Das Paradoxe: Je genauer wir hinschauen, desto weniger ist klar definierbar. So geht es auch der Physik, je genauer sie hinschaut, desto weniger existiert. Aber wie so oft ist weniger eben mehr.

Und noch etwas sehen die Philosophien beider Wege gleich: Sie sehen das Leben als einen einzigen Prozess. In unserer Denkfähigkeit sind wir erst einmal durch die Struktur der Sprache regelrecht gefangen, denn Sprache und Denken bedingen sich gegenseitig. Es ist eine nach Regel strukturierte Sprache, die Regeln aber, nach denen sich lebendige Prozesse organisieren, sind ganz anders, sie sind komplex. Und deswegen haben bei inhaltlichen Betrachtung richtig und falsch keinen Platz, was nicht heißt, dass die strukturellen Annahmen nicht richtig oder falsch sein können!

Es ist an der Zeit, endlich anders zu denken.

Es ist ein falsches Verständnis von der Welt, Spiritualität beziehungsweise Religiosität, also die Suche nach Sinn, und Wissenschaft voneinander zu trennen. Vielfach scheint ja ein Konsens darüber zu existieren, dass Wissenschaft und Religion zwei substanziell unterschiedliche Weltbilder zugrunde lägen: Religion basiert auf Glauben, Wissenschaft auf Wissen. Wissenschaft und Religion scheinen demnach auf zwei nicht zu vereinbarenden oder jedenfalls zueinander in Spannung stehenden Weltbildern zu fußen. Und genau diesen Graben, diese letztlich irrwitzige Aufspaltung, haben wir mit der Quantenmechanik überwunden.

Indem wir die Vorstellung der Aufspaltung und der Fragmentierung überwinden, öffnen wir uns wieder den Raum zu einem Miteinander statt einem Gegeneinander, zu dem Raum des Einklangs und der Suche nach Sinn.