Sich selbst zu hinterfragen hilft definitiv

Wie man selber ist, wird sehr, sehr selten hinterfragt. Viele Menschen halten sich à priori für kreativ, musikalisch, intelligent – oder eben auch nicht. Und die Selbstzuweisungen anderer zu hinterfragen wird meist regelrecht als Beleidigung empfunden; auch der, der sich für nicht (bitte das nicht nicht überlesen!) intelligent hält ist beleidigt, wenn man ihm sagt, das sei Quatsch. Unser Selbstwertgefühl ist dummerweise nicht zwingend auf Positives ausgerichtet. Da hat sich die Evolution wirklich was Komisches ausgedacht.

Ich bin, wie ich bin. Klar. Aber ich könnte ja auch ganz anders sein. Viele Prozesse, also auch Intelligenz, Kreativität und so weiter, kann man reflektieren und so unter Umständen die eigene Intelligenz und Kreativität oder was auch immer verändern. Was für meine körperliche Fitness gilt, gilt auch für meine geistige Fitness. Oder mein Essverhalten. Wenn ich diesen Prozess endlich einmal richtig aufgedröselt habe, garantiere ich Ihnen, dass ich dann absolut kein Problem mehr mit meinem Gewicht haben werde.

Da ist er wieder, der positive und der negative Weg. Wer nach dem Positiven strebt, etwa einmal die Idealfigur zu haben, der wird, jedenfalls ist das meine Überzeugung, ganz schön lange darauf warten und sich allmorgendlich mit der Waage herumstreiten, denn er empfindet sich eben als falsch. Die Enttäuschung gehört ja irgendwie zum positiven Weg. Zu hoffen und enttäuscht zu sein bedingen sich gegenseitig. 

Die simple Variante ist, es einfach toll zu finden, wie man eben ist. Ich bin eben, wie ich bin, der Kampfruf der Weltmeister (man möge mir das verzeihen) des Ausblendens und Ignorierens. Wer hingegen konsequent und beharrlich den Fehler sucht, also wirklich den negativen Weg geht, der weiß, dass er alles hat, um genau diese Idealfigur zu haben. Nur er hat sie eben nicht, weil da ein Fehler im System ist, den es eben zu finden gilt. Wobei man mit der Bezeichnung „Fehler“ aufpassen muss. 

Was sich im Laufe des Lebens zu einem „Fehler“ entwickelt hat, war ja einmal ganz offensichtlich notwendig, sonst hätte man es ja nicht gemacht. Nur dass sich solche Verhaltensstrukturen irgendwann verselbstständigt haben und die ursprüngliche Notwendigkeit überhaupt nicht mehr gegeben ist. Etwa weil man kein Kind mehr ist. Kinder können sich bekanntlich schlecht gegen Eltern wehren, weil sie von denen abhängig sind. Ich habe das Problem so gelöst, dass ich mich getröstet habe. Mit Kalorien. 

Das bleibt mir so lange, bis ich nicht mehr gedanklich und emotional an der früheren Verletzung hänge. Was wiederum heißt, ich muss mich erinnern, sonst finde ich den Anfang des Fadens nicht, den es aufzudröseln gilt. Und das wiederum verlangt Versenkung in den Geist.

Jedoch ist bei alledem Vorsicht geboten, denn man kann sich auch vermeintlich hinterfragen und dabei letztlich doch auf den Retter hoffen. Sich zu hinterfragen heißt eben nicht, sich in Frage zu stellen. Das ist etwas völlig anderes.