Selbstdisziplin

Eindeutig die Quadratur des Kreises! Wie soll ich das nur anstellen, mich selbst zu disziplinieren? Irgendwie klingt das nach angewandter Schizophrenie. Der eine diszipliniert, der andere tut, was ihm gesagt wird. Aber wehe, ich verwechsle die beiden! Wie aber soll ich dann etwas erreichen, was mir im Grunde genommen widerstrebt? Es ist wie immer, erst wenn der Leidensdruck groß genug geworden ist, taucht am Horizont die Notwendigkeit auf, etwas zu tun. Heißt, dass in meinem Hirn dann ein anderer Bereich die Regie übernimmt und sag, wo es lang geht.

Denn eines ist mir klar: Direkte und bewusste Kontrolle über mich selbst habe ich nicht. Ich habe nur die relative Kontrolle des Gewahrseins. So ziemlich den ganzen Tag über laufe ich auf Automatik. Aber manchmal überkommt mich so ein Geistesblitz. Etwa, wenn ich auf der Waage stehe und die zeigt mir an, dass ich mal wieder über dem Limit bin. Doch wenn der dadurch ausgelöste Leidensdruck nicht groß genug ist, dann verflüchtigt sich dieser Geistesblitz schon beim ersten Blick in den Kühlschrank. Er ist vielleicht erst dann so richtig spürbar, wenn mir nichts mehr passt und ich nicht vorher durch „angemessene“ Zukäufe keine Vorsorge getroffen habe.

Ein echtes Problem. Was also tun, wenn mir in der Reflexion, ob mit oder ohne Waage, klar wird, dass eigentlich eine Änderung dringend anstünde? Was beim Übergewicht ja noch einigermaßen leicht ist, aber bei meinen Verhaltensstrukturen wird das wirklich schwierig. Schließlich muss ich ja mein Gehirn neu verdrahten. Und das geht über den inneren Weg verdammt schwierig. Leichter geht es paradoxerweise über den äußeren Weg, darüber habe ich tatsächlich viel mehr die Kontrolle. Wobei ich mich ja nicht wirklich unter Kontrolle habe, sondern nur dadurch, dass mir etwas bewusst wird, wenn ich ständig darüber stolpere. Kontrolle ist ja auch nur so ein Gefühl. Die einzige „Kontrolle“, die ich über mich selbst habe, ist, wenn ich ein spitzes Gesicht bekomme und mir etwas bewusst ist. Ansonsten mache ich das freiwillig.

Eine No-Go-Essensliste wird an die Kühlschranktür geklebt, eine kleinere kommt in den Einkaufskorb und dazu sicherheitshalber noch eine Erinnerung ins Portemonnaie. Man übersieht solche Listen ja gerne … . Darum folge ich hier dem Prinzip „Unübersehbarkeit“. Also keine Absichtserklärungen in einem Notizbuch, das ich doch nur selten anschaue. Und wenn doch, dann ist es doch meist schon zu spät. Ohne wirklich permanente „Führung“ wird es wohl nichts. Das ist das Stichwort: „Permanente Führung“. Die habe ich etwa in einem Zen-Kloster. Oder bei einer Veranstaltung, genauso wie bei einem Konzert. Es ist das „Drum-Herum“, das mich veranlasst, mich auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu verhalten. So wie ich es eben gelernt habe. Aber das geht eben nicht bewusst, sondern automatisch. Also muss ich mir genau überlegen, ob das die gewünschten Verhaltensmuster in mir auslöst oder eher das Gegenteil.

Das Außen beeinflusst mich nicht wirklich, sondern es lässt mich in meinen Reaktionen auf eine ganz spezifische Art handeln. Und das kann ich nutzen. Wie gesagt, ich muss genau reflektieren, ob mir ein Zustand hilft, eher nicht oder ob er mich falsch ausrichtet. Wobei ich mir darüber klar sein muss, dass das nur für den noch schwachen Geist gilt. Ist der Geist erst einmal gefestigt, reagiert man unabhängig und unbeirrt von dem Außen. Aber sicher ist sicher, also gehe ich lieber ein bisschen zu lange von einem ungesicherten Geist aus. Besser so als umgekehrt. Also richte ich mich im Außen so ein, dass das stimmige Innen dabei herauskommt.

Und so wird der eckige Kreis zwar nicht rund, aber immer runder. Perfektion ist ja so ein Ding mit Pfiff. Artet leicht in Perfektionismus aus. Aber richtig gut sein wollen, das darf es schon sein, oder etwa nicht? Und wie heißt es doch so schön? 

Denken führt erst durch konsequentes Handeln zu Ergebnissen.