Freiheit

Über viele Jahre hinweg habe ich nach Wegen zu mir selbst gesucht, habe ich nach Freiheit gesucht, wollte ich sein, wie ich aber dummerweise nicht war. Bis ich irgendwann erkannte, dass die Freiheit, die ich immer gesucht hatte, letztlich im Aushalten des Ungewissen liegt und dass ich selbst kein Gefangener meines Schicksals, sondern meiner Gedanken war.

Ich weiß noch wie heute, wie ich, übrigens wie fast alle anderen auch, in meiner Mediationsausbildung in ein tiefes Loch fiel, als nach einer Pause die Trainerin uns wieder mit dem Lied „Unchain My Heart“ von Jo Cocker in den Raum locken wollte. Gut gemeint, aber mit fatalen Folgen. Oder letztlich doch mit guten? Mit einem Mal begriffen wir (fast alle Juristinnen und Juristen), begriff ich, wie ich in meinen Job als Anwalt gefangen war, einem Job, der so gar nicht mit meinen Sehnsüchten und Träumen in Einklang zu bringen war. Und da saßen wir dann und taten uns alle schrecklich leid. Das sage ich heute, aus der Distanz, damals war ich am Boden zerstört.

Denn eines hatte ich damals noch nicht begriffen; ich hätte einfach nur aufstehen müssen und gehen. Nein, nicht so, wie Sie jetzt vielleicht denken; ich hätte nur die Welt verlassen müssen, die ich mir mit meinen Gedanken errichtet und in der ich mich eingerichtet hatte; einmal kurz innehalten, mich aber nicht umschauen, um mich orientieren zu können, sondern abtauchen in mein „persönliches“ Nullpunktfeld, eintauchen in das vollkommene Nichts, die absolute Leere, um dann wieder an einer ganz anderen Stelle in der relativen Welt aufzutauchen.

Jeden Morgen tauche ich im Aufwachen aus diesem Land der Möglichkeiten auf, genauso wie bei jeder Begegnung und jedem Ereignis, bei jeder CD, die ich spiele, bei allem, was ich tue. Immer wieder und wieder. Doch erst seit ich mir dessen bewusst bin, kann ich auch wählen, welche Rolle ich dann wahrnehmen will. Aber wehe, wenn ich mich damit identifiziere. Dann ist – zack – die Gefängnistür wieder zu. Oder wenn ich egoistische, selbstsüchtige Ziele verfolge, dann fliegt sie krachend hinter mir ins Schloss.

Nur darf ich nicht versuchen, in dieses Nullpunktfeld zu kommen. Dann wäre ich wie der Fisch, der herum irrt, überall das Wasser sucht und dabei immer deprimierter wird. Aber eine wichtige Frage bleibt noch, nämlich die, ob es ein „Ich“ gibt. Wenn sie mich als eine gedankliche Bewegung verstehen, dann gibt es mich. Zeitweise. Mal hier und mal dort. Denn ich bewege mich in diesen beiden Räumen des Seins, dem Absoluten und dem Relativen. Und das, was ich unter (m)einem Ich verstehe, das tanzt idealerweise auf der gedachten Linie, dort, wo das Absolute und das Relative aneinander grenzen, wo die Leerheit zur Wirklichkeit wird und umgekehrt.

Die Wahrheit aber ist: Es gibt weder das Absolute noch das Relative. Nur in meiner Vorstellung. Aber manchmal ist es hilfreich, in diesen Kategorien zu denken, damit ich nicht auf meine eigenen Gedanken hereinfalle und mich mal wieder mit irgend etwas identifiziere. Wenn das mal keine Freiheit ist! Man muss nur wagen, die Leiter hinauf und darüber hinaus zu steigen.

Was ich dafür brauche? Gewahrsein. Der Rest kommt dann ganz von alleine. Noch eine Anmerkung: Wissen über all diese Zusammenhänge brauche ich, um mich aus meinen Verstrickungen zu lösen. Das ist der Vorteil der nicht menschlichen Natur, die braucht das nicht, denn sie hat sich nicht in ihre Gedanken verstrickt.