Die Wurzel allen Übels

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Aber warum ist das so? Ganz einfach, weil wir die Realität nicht so sehen können, wie sie ist. Vor einigen Tagen habe ich diese witzige Zeichnung gefunden:

Das ist wirklich witzig, aber nicht zutreffend. Denn man könnte auf die Idee kommen, dass es die äußeren Umstände sind, die einen immer wieder vom Weg abbringen. Aber dem ist nicht so. Warum es oft ganz anders kommt als man denkt, das lässt sich besser mit dem Chaospendel darstellen; wobei ich den Namen nicht passend finde, denn Chaos ist ein vollkommen ungeordneter aber äußerst stabiler  Zustand, was hier aber definitiv nicht der Fall ist.
Die Bewegung und der Verlauf der blauen Linie erscheint mir erst einmal nur deshalb chaotisch, weil ich die Bewegung des Pendels nicht vorhersagen und nicht berechnen kann. Typisches „Problem“ eines Denkens in rein mechanischen Strukturen. Obwohl ich es wesentlich besser kann, wenn ich mir der Problematik bewusst bin.

Ich will dies an einem Beispiel zu verdeutlichen. Nehmen Sie einmal unsere Sprache. Im Idealfall ist sie klar und logisch, präzise und korrekt. Dann ist eine gute Kommunikation möglich. Es ist, verzeihen Sie diesen Vergleich, wie beim Motorradfahren. Das ist im Idealfall auch klar, logisch, präzise und korrekt. Doch was macht dann den Unterschied zwischen einem guten und einem weniger guten Fahrer aus? Die Linie, die die Kommunikation wie das Motorrad zeichnen, entspricht definitiv der roten Linie. Ein Kind aber, das zu sprechen lernt und noch keine Kommunikationsregeln erkannt hat, verhält sich wie jemand, der noch nie auf einem zweirädrigen Gefährt saß. Die Bewegungslinie entspricht dann eher dem Verlauf der blauen Linie.

Also muss man erst einmal die Dynamik der Kommunikation erfassen – oder die des Motorrades. Beides sind linear-dynamische Systeme und ihre Bewegungsdynamik entspricht der roten Linie, natürlich nur im Idealfall. Doch warum enden so viele Gespräche im manchmal erbittertem Streit und warum landen manche Motorräder im Graben? Weder die Gespräche noch die Motorräder können etwas dafür, sondern die Menschen, die daran beteiligt sind. Und wir Menschen sind nun einmal die komplexesten nichtlinearen dynamischen Systeme, die ich kenne. Doch anders als bei dem Doppelpendel, dem man mit mathematischen Gleichungen zumindest ein wenig auf den Leib rücken kann (da kenne ich mich wirklich nicht aus), gelingt das bei uns Menschen nicht. 

Berechenbarkeit bedeutet Vorherseh- und damit Vorhersagbarkeit. Doch wir sind eben nicht berechenbar, was jedoch nicht bedeutet, dass wir unberechenbar wären. Wir sind nämlich etwas ganz anderes. Dass wir manche Menschen für berechenbar halten, stimmt tatsächlich nicht, sie verhalten sich in spezifischen Situationen nur nicht willkürlich, und daher scheinen sie für uns berechenbar, weil wir die entsprechende Erfahrung mit ihnen haben. Aber wirklich berechenbar sind sie nicht, denn dann müsste jeder ihr Verhalten vorhersagen können, auch wenn er sie überhaupt nicht kennt. Das aber geht nicht. Also keine Berechenbarkeit.

Es ist wie bei dem Wetter. Weder ist es berechenbar noch unberechenbar. Die Wetterdynamik lässt sich zwar in ihren aktuellen Strukturen beschreiben, doch wie das Wetter tatsächlich wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wir kämen nie auf die Idee zu fragen, warum der Sturm schon um 10 Uhr und nicht erst nachts um 1 Uhr war. Wetter ist eben ein nichtlineares dynamisches System, das ganz klaren Strukturen folgt, ohne dabei festgelegt zu sein.

Diese Strukturen sind eben nicht linear, sondern komplex. Und wenn meine Fahrpraxis stabil wäre (schön wär’s), wäre ich gerade nicht stabil. Ich fahre immer dann instabil, wenn ich selbst stabil werde, also starr. Und so ist es auch in der Kommunikation. Ein mechanisches System sollte stabil sein, ein lebendiges aber gerade nicht! Jede Bewegung ist eine Folge einzelner, für sich gesehen instabiler Zustände, die nur in der Summe eine stabile Dynamik sein können, vorausgesetzt, sie sind ideal aufeinander abgestimmt.

Wenn ich meine Kommunikation oder mein Motorradfahren beschreiben soll, dann fällt mir nur eins ein: Ich bin ein lebendiges System. Für den Ablauf einer Kommunikation oder das Motorradfahren gibt es klare Regeln und Gesetzmäßigkeiten, doch die zu wissen befähigen mich noch lange nicht, gut zu kommunizieren oder sauber Motorrad zu fahren. Und genau das kann ich eben nicht von vornherein „wissen“ und (im schulischen Sinn) auch nicht lernen. Aber ich kann etwas anderes, ich kann mir der Situation zum einen bewusst werden und zum anderen dementsprechend intuitiv handeln. Auf meine Intuition habe ich jedoch keinen direkten Einfluss. Leider.

Einfluss habe ich nur auf die Basis, von der aus sie operiert. Das ist das Bewusstsein für Wirkzusammenhänge. Was wiederum lineares Wissen voraussetzt, die ich nicht unbedingt intuitiv erfassen muss, sondern mir auch aneignen kann. Nur darf ich dabei nicht vergessen, dass das noch lange nicht bedeutet, dass ich das auch einfach so eins zu eins anwenden könnte! Und je weniger Wissen ich über Zusammenhänge habe, desto weniger kann ich (intuitiv) angemessen handeln. Wobei ich mir darüber im Klaren sein muss, dass ich immer nur intuitiv handle. Zu glauben, ich könnte bewusst handeln ist zwar nett, aber eine Illusion.

Die Herausforderung ist, dass sich mir solche Wirkzusammenhänge selten direkt logisch erschließen und sie zu reflektieren kostet ziemlich viel Zeit. Da macht es schon Sinn, von anderen lernen zu wollen, etwa von einem Kommunikationsexperten oder einem Fahrlehrer. Doch ich darf eines nicht übersehen: „Logisch“ wird das erst dann für mich, wenn ich mich darauf eingelassen und die entsprechenden Erfahrungen gemacht habe.

Und über solche Zusammenhänge schreibe ich hier, jedenfalls über die, die ich erkannt habe.