Die Welt und ich

Angenommen, ich säße hier und dächte so vor mich hin. Und weiter angenommen, mir ginge durch den Kopf, ganz ernsthaft, dass ich in Wirklichkeit in einer illusionären, weil virtuellen Welt lebe. Und mich gäbe es eigentlich gar nicht, allenfalls als Idee im geistigen Verständnis. 

Was wäre dann spontan anders für mich? Nichts, absolut nichts. Aber langfristig wäre es schon anders. Wenn dieses – dann imaginäre – Ich in einer Illusion lebt, dann könnte ich ja meine Welt und vor allem mein Erleben mehr und mehr selbst gestalten. Es finge damit an, dass ich Begriffe wie „ich“ anders definieren würde, denn da wäre kein personales „ich“ mehr, sondern nur noch die Beschreibung einer Bewegung im Geist des Kosmos. Aber jetzt einmal ganz ernsthaft.

Craig Hamilton (nicht verwechseln mit Craig Hamilton-Parker) schrieb vor einiger Zeit, wann genau weiß ich leider nicht mehr, in der Zeitschrift enlightenment über einen Bewusstseinskongress. Die wesentlichen Erkenntnisse, die dort diskutiert wurden, lassen sich in vier Sätzen zusammenfassen:

  1. Freier Wille ist eine Illusion;
  2. ebenso das Ich oder Selbst;
  3. das Bewusstsein gewissermaßen ebenso, oder zumindest tut es nichts;
  4. sogar wenn wir entdeckten, dass wir in der „Matrix“ leben, sollten wir so handeln, als ob sie die Wirklichkeit wäre und uns keine Sorgen machen.

Mit anderen Worten: Neo nahm die falsche Pille. Die interessante Frage ist, warum bekommen manche Menschen dann regelrecht Panik, wenn sie solche Gedanken hören? Es passiert ihnen doch nichts! Nichts ändert sich für sie, außer, dass sie die Welt sehen, wie sie wirklich ist. Aber das Problem ist nicht, dass sie die Welt dann sehen, wie sie ist, nein, das eigentliche Problem ist wohl eher, dass sie sich selbst dann sehen würden, wie sie wirklich sind. Obwohl, korrekt wäre zu sagen, dass sie sich dann sehen müssten, wie sie wirklich sind.

Das aber wollen sie nicht, sie wollen weiter in ihrer Illusion leben. Lieber wollen sie weiter ihrer Vorstellung von sich selbst folgen, statt der Wirklichkeit über sich selbst ins Angesicht zu schauen. Die eine Frage ist, warum sie das tun. Die andere Frage ist, welche Haltung sie bräuchten, um dieses Dilemmata zu lösen. Und das ist die definitiv bessere Frage, denn dann machen sie sich keine Gedanken, warum sie in ihrem geistigen Knast sitzen, sondern sie denken darüber nach, wie sie da ganz schnell wieder raus kommen. Und nicht etwa kommen könnten. Aber dafür müssen sie wohl erst einmal verstehen und vor allem akzeptieren, dass sie in ihrem persönlichen Knast sitzen.

Dabei bräuchten sie nur eines tun: Ganz still sitzen und sich in den Geist versenken, statt sich mehr oder weniger krampfhaft an Begriffen festzuhalten zu suchen. Also nichts gegen Wissen, das ist wirklich sehr hilfreich, doch wenn man es weiß, muss man es auch wieder loslassen. Sonst funktioniert das nicht mit dem Versenken in den Geist. Aber was tun, wenn man erkennen sollte, dass es tatsächlich eine Illusion ist, in der man lebt? Man macht es ganz einfach wie Craig Hamilton geschrieben hat: Weiter leben wie bisher auch. Nur mit dem feinen Unterschied, dass man sich bewusst ist, dass es eben anders ist, als man bisher dachte und glaubte.

Wie ich das zu leben suche, findet sich beispielsweise in meiner CD-Sammlung. Da sind zum einen etwa Werke von Bach, Toccata und Fuge in D-Moll. Das ist die eine Seite meiner Wirklichkeit. Die andere Seite dieser Wirklichkeit findet sich in der Musik meiner Jugend, wie ich immer sage. Joan Baez etwa. Also Kosmisches und Profanes gleichermaßen. Für mich sind das keine getrennten Welten, sondern die eine Welt. So wie ich zum Gehen zwei Beine brauche.