Der Ärger mit der Konvention

In dem vorhergehenden Beitrag habe ich geschrieben, dass Kindern, jedenfalls mir, immer gesagt wurde und wahrscheinlich auch heute noch wird, dass sie in Gesellschaft nicht über sich sprechen sollen.

Das ist die perfekte Strategie, um die Konvention am Leben zu erhalten. Also lassen wir das, wollen wir die Konvention beenden! Und reden statt dessen über das, was wir tun. Zur Erinnerung:

Das verbreitetste Anfangsstadium und einzige Stadium vieler Gemeinschaften, Gruppen und Organisationen ist das der Pseudogemeinschaft, ein Stadium der Vortäuschung und des Scheins.

Die Gruppe tut so, als sei sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es unter den Gruppenmitgliedern nur oberflächliche, individuelle Differenzen und kein Grund für Konflikte. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt:

Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln.

Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab.

Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.

Höflich zu sein ist ja sehr gut, aber eben nur wenn es authentisch und konstruktiv ist. Was nichts anderes bedeutet, als in einem wirklichen Dialog miteinander zu sein. Das heißt die Wirklichkeit zu ergründen und nicht zu behaupten, man kenne sie schon.