Wo anfangen?

Diese Frage sollten wir uns ganz zu Beginn unserer Überlegungen stellen. Geht es uns vorrangig darum, das Leben zu beherrschen und zu funktionieren, oder wollen wir unser Leben erst einmal verstehen und uns dann überlegen, was wir tun können und wollen?

Es gibt dafür mehrere Eintrittstore, die den späteren Verlauf bestimmen und nur schwer wieder zu verlassen sind. Diese Tore oder Zugänge bilden eine Hierarchie. Steigt man mit geringen Ansprüchen weiter unten ein, dann kommt man nur wieder mit einer neuen Orientierung zu einer höheren, komplexeren und anspruchsvolleren  Ebene. Jede neue Ebene erreichen zu wollen setzt voraus, dass man die, die man gerade innehat, verlässt und sich komplett neu orientiert und organisiert. Was wir ja nicht unbedingt gerne tun, uns neu zu orientieren und zu organisieren.

Die einfachste Ebene ist die Anforderungen des Lebens als eine Art technischer Probleme anzusehen, die man gedanklich lösen, beherrschen und letztlich meistern muss, also in den Griff bekommen muss, will man erfolgreich im Leben sein. Vor allem die Psychologie bietet hier eine Menge an Konzepten und Methoden. Der Fokus liegt alleine darauf, dass „es“ funktioniert, mehr nicht. Die eventuell damit einhergehenden fundamentalen Fragen werden nicht gestellt oder auch ignoriert, weil sie als eher hinderlich zur Durchsetzung der eigenen Vorstellungen angesehen werden. 

Die Vorgehensweise der Wissenschaft ist nicht auf die Beherrschung materieller Vorgänge ausgerichtet (so wie bei der Technik), sondern auf deren Verständnis. Ein gravierender Unterschied, denn es geht nicht mehr nur darum, das Wissen zu nutzen, sondern zu Einsichten über die Wirklichkeit zu kommen. Viele fahren etwa Auto und können das technisch beherrschen, doch das bedeutet nicht, dass sie es auch verstehen würden, warum etwas so und nicht anders passiert. Das rein technische Wissen ohne das Wissen um die tieferen, grundlegenderen und letztlich fundamentalen Prozesse blendet relevante Dinge aus oder will sie einfach nicht wissen, weil (scheinbar) zu kompliziert zu verstehen. Kein Problem – bis etwas, das man ausgeblendet und ignoriert hat, als eine Art Bumerang zurückkommt. Dumm nur, wenn man den nicht kommen sieht.

Es liegt auf der Hand, dass man sich am besten nicht nur auf die technische Sichtweise konzentriert, sondern eben auch auf die wissenschaftliche Sicht mit einbezieht. Ein Beispiel: Elektroautos sind eine Super Alternative zu Verbrennungsmotoren. Aber wo kommt der Strom her? Und wie werden Batterien produziert? Wo kommen die erforderlichen Ressourcen her? Wie sind die verfügbar? Und ist das wirkliche und entscheidende Problem die Art der Energieerzeugung, und nicht eher die Menge der freigesetzten Energie? Blendet man diese Frage aus, dann übersieht man leicht, dass es in erster Linie um die Menge der freigesetzten Energie geht (oder gehen müsste) und die Art der Energiegewinnung erst in zweiter Linie bedeutsam ist. Mit Holz zu heizen ist scheinbar wunderbar, denn es ist ein nachwachsender Rohstoff. Aber es ist keine Lösung, auch wenn viele das denken. Denn was ist mit der freigesetzten Wärme? Das ist das vordergründige und drängende Problem.

Nur ist das noch nicht das Ende der Fahnenstange oder der Leiter, über die man im Sinne von Wittgenstein hinaussteigen muss. Die wissenschaftliche Vorgehensweise betrachtet vorrangig die materielle Wirklichkeit. Es gibt aber noch eine geistige Wirklichkeit. Wollen wir die Welt nicht nur beherrschen, sondern verstehen, müssen wir wohl oder übel auch das Handeln des Menschen verstehen. Und das bedeutet, geistige Prozesse zu verstehen und zu akzeptieren, dass sie so sind, wie sie eben sind. Dann erst können oder werden wir sehen, dass die Welt mit einer mechanischen Denke beherrschen zu wollen nur vordergründig zu funktionieren scheint, denn erst, wenn wir auch die geistige Dynamik wirklich verstehen, können wir unsere eigenen Prozesse gestalten, wenn auch nicht beherrschen. 

Es ist meiner Ansicht nach ein Fehler, jeden Vorgang als einen mechanischen Prozess anzusehen und, funktioniert er nicht, eine Lösung mit einem mechanischen Denken zu suchen; es ist aber auch ein Fehler, alles nur von einer geistigen Ebene aus betrachten zu wollen. Die Lösung ist also die Synthese aus mechanischem und geistigem Prozessverständnis. Das ist natürlich eine gewisse Herausforderung, denn man muss immer wissen, wo man gerade unterwegs ist. Und das kann blitzartig von mechanisch zu geistig wechseln. So kann ich beispielsweise das Fahren einer Kurve mit dem Motorrad mechanisch erklären, doch wie man das dann geistig umsetzen kann, kann ich vielleicht auch erklären, nur eben völlig anders.

Es gibt also mechanische und geistige Prozesse, die es zu betrachten gilt. Doch es gibt noch eine Zwischenebene. Und die macht unter Umständen das Ganze sehr, sehr kompliziert. Ich kann etwa aufgrund eines geistigen Prozesses den mechanischen Prozess des „mit dem Hammer einen Nagel in die Wand schlagen“ initiieren, doch haue ich mir dabei ordentlich auf die Finger, kommt noch ein emotionaler Prozess hinzu, der auch gemanaget werden will. Und genau da fangen ganz viele Probleme an. Diese emotionalen Prozesse sind zwischen den geistigen und den mechanischen Prozessen angesiedelt. Beispiel Kurvenfahren mit dem Motorrad: Erst ist da das mechanische Verständnis der Kurvenfahrt. Relativ leicht zu verstehen. Doch bevor ich überhaupt zu dem geistigen Verständnis der Kurvenfahrt kommen kann, also der Umsetzung, steht dazwischen der emotionale Prozess. Heißt der etwa Angst, kommt es gar nicht erst zu der Phase der geistig-mentalen Umsetzung.

Das „Problem“ bei den Emotionen oder Gefühlen ist, dass man die hat, ob man will oder nicht. Sie zu unterdrücken ist sinnlos, weil das nicht funktioniert. Sie zu analysieren kann ziemlich zeitaufwendig sein. Psychiater freuen sich, wenn man das macht. Leben wir unsere Emotionen unkontrolliert aus, werden wir entweder in einen Strudel von Emotionen regelrecht hineingerissen und sind ihnen schutzlos ausgeliefert. So wie ein Fähnchen im Wind. Oder wir leben das andere Extrem und machen dicht und versuchen, so wenig wie möglich spüren zu müssen. Beide Methoden sind kein wirklich bewusster und vor allem kein sinnvoller Umgang mit unseren Gefühlen und führen obendrein noch dazu, dass wir uns immer mehr von uns selbst entfernen. 

Es gibt jedoch eine dritte Möglichkeit, mit seinen Emotionen umzugehen. Eine viel konstruktivere und bewusstere Art und Weise. Wie schon gesagt, einen Schritt zurückzutreten und unsere Emotionen zu betrachten. Aber bitte ohne sie zu bewerten. Denn nicht die Emotion als solche sorgt dafür, dass wir uns schlecht fühlen, sondern unsere Bewertung der Emotion. Erst, wenn wir Widerstand gegen die Emotion leisten, erst wenn wir gegen sie ankämpfen und die Emotion mit allen Mitteln unterdrücken oder kontrollieren wollen, entsteht wahres Leid.

Und genau das ist die Mauer vor dem Zugang zu einem geistigen Verständnis. Wenn wir unsere Emotionen spüren, brauchen wir einfach nur hinzuschauen und erleben, wie sie sich verändern. Schwieriger ist es schon, wenn man seine Emotionen unterdrückt hat. Wer das tut, der hat perfekt gelernt, sich abzulenken. Man schaut fern, hört Musik oder macht etwas. Hauptsache, man tut etwas. Und wenn das nicht geht, schläft man eben. Alles aus dem einzigen Grund, um sich selbst nicht spüren zu müssen. Sogar Meditation wird dazu missbraucht, um geistig einzuschlafen. Man verliert sich  regelrecht. 

Das muss man wissen und sich vor allen Dingen auch eingestehen. Und aufhören, anderen Menschen Eigenschaften, Schwächen oder Probleme zuschreiben, die wir selbst offen oder versteckt in uns tragen. Denn das verhindert die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen. Ja, wenn man ein klares Feindbild hat, lässt sich das eigene Leben einfach leichter organisieren. Denkt man. Stimmt aber leider nicht.