Wider die Banalität 

Nicht nur wider die Banalität des Bösen, sondern wider jegliche Banalität.

Nachdem ich in Auschwitz/Birkenau war, stellte sich mir drängender denn je die Frage, was von mir erwartet wird zu tun. Ich sehe mich in einer besonderen Verantwortung als Sohn von Eltern, die in der Zeit 33 bis 45 engagiert dabei waren. Was mein Vater im Detail machte, habe ich nie wirklich klären können, aber ich kann Rückschlüsse aus dem ziehen, was ich weiß, etwa den Erzählungen meiner Mutter über ihre Begegnungen mit Ernst Udet, mit dem sie wohl feierten, oder der Tatsache, dass mein Vater Assistent sowohl bei Paul Rostock (Onkel Paul) wie bei Heinz Kalk war, der eine die Spitze der chirurgischen Medizin, der andere die Spitze der inneren Medizin. Und er arbeitete auch mit Ludwig Zukschwerdt zusammen, der einen Lehrstuhl an der „Reichsuniversität Straßburg“ hatte. Bereits das genügt um zu wissen, dass mein Vater kein kleines Licht gewesen war.

Nehme ich das nun zur Kenntnis oder liegt darin auch meine Verantwortung? Da ist zum einen die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, in der ja meine Eltern sozusagen „drinstecken“. Ich denke, da hat sich für mich einiges geklärt, vor allem die Verquickung von Macht und (falscher) Ideologie habe ich für mich – hoffentlich – gelöst. Doch heißt das auch, dass ich nun meiner Wege gehen kann? Ich denke nicht. Von Hannah Arendt stammt der Ausspruch von der „Banalität des Bösen“, die Quintessenz ihrer Betrachtung der Psyche Eichmanns. Eine Einschätzung, die ich nach einem Besuch von Auschwitz und der Lektüre der Biographie des Lagerkommandanten auch in der Person Höß sehe. Ein liebevoller Ehemann, fürsorglicher Vater und Massenmörder der grauenhaftesten Art. In einer Person. Dass er darunter innerlich gelitten hat, entschuldigt nichts, es macht es eher noch schlimmer, noch unverständlicher, noch grauenhafter.

Die Aufgabe des eigenständigen Denkens

Aber dieses Grauen darf nicht davon ablenken zu sehen, was dazu führte: Die Aufgabe des eigenen Denkens, statt dessen blinder Gehorsam und unreflektierte Pflichterfüllung. Eichmann wie Höß waren ganz normale Menschen. Dass sie ihr Denken ab- und ihren eigenen Moralanspruch aufgegeben hatten, dass sie sich einem anderen vollkommen unterstellten, blinde, unreflektierte Gefolgschaft, das ist der Beginn des Grauens. Diese Gefolgschaft aber kam nicht aus dem Nichts, es war die Zeit davor, die Hitlers Gedanken vielen Menschen als richtig erscheinen ließ, nicht nur Eichmann und Höß. Man darf nie vergessen, dass Hitler ja demokratisch gewählt wurde. Es ist ein schleichender Prozess, der das eigene Denken mehr und mehr erodiert, wenn man nicht höchst aufmerksam und auch reflektiert ist. Aber es ist der einzige Weg, will ich verhindern, selbst verführt zu werden, wobei der „Verführer“ nur ein Teil des Ganzen ist, den wesentlich größeren und entscheidenderen Beitrag liefern die aus nicht ausreichend reflektierten Erlebnissen gewachsenen eigenen Hoffnungen und Erwartungen.

Gerade habe ich einen Artikel von der Zeitschrift „Welt“ im Netz gefunden, in dem von einer Studie berichtet wird, warum ein Mensch zum Terroristen wird. Terror jeder Art lassen uns mit Angst und Abscheu, aber vor allem mit Unverständnis zurück. Doch will man nicht, dass es wieder und wieder geschieht, muss man es verstehen lernen, was nicht bedeutet, damit einverstanden zu sein oder es gar zu verzeihen. In einem Text über Gewalt von Günter Schlee von der Max Planck Gesellschaft steht der, wie ich finde entscheidende Hinweis gerade auch mit der Vergangenheit unserer Eltern und Großeltern:

„Terroristen“ sind Leute, von denen man sich so weit wie möglich abgrenzt, und die Barbarei ist in Deutschland ja auch bereits seit 70 Jahren überwunden, wenn auch nur mit fremder Hilfe, und wir wollen mit ihr nichts mehr zu tun haben. Diese Haltung hilft uns nicht herauszufinden, wie diese Gewalttäter „ticken“, das heißt, ihre Gedanken und Handlungen in unseren Köpfen zu modellieren. Auch bleiben bei dieser betonten Distanz all die Tausende außer Acht, die den IS unterstützen oder zumindest als das kleinere Übel (kein Kunststück bei den gegebenen Alternativen) akzeptieren. Das müssen ja ganz normale Menschen sein. Seit Auschwitz wissen wir übrigens, dass auch die Täter in anderen Kontexten ganz normale Menschen sind. Es müsste doch eigentlich möglich sein, das Verhalten ganz normaler Menschen zu erklären. Offensichtlich fehlt es vielfach an einem ernsthaften Bemühen darum. 

Das Versagen anderer spiegelt die eigene Verantwortung

Doch warum wird das so oft nicht gesehen? Ganz einfach, weil es jeden betrifft. Wenn die Täter des Dritten Reiches oder des IS ganz normale Menschen waren und sind, dann bin ja auch ich als ganz normaler Mensch nicht davor gefeit, in etwas abzurutschen, was ich bei klarer Sicht nie tun würde. Diese Menschen sehen sich wie einst die, die Hitler applaudierten, durch ihr eigenes Erleben gerechtfertigt. Es ist etwas geschehen, was sie verletzt hat und Wut, Neid und Haß in ihnen entstehen ließ. In dem Moment aber, in dem eine als solche erlebte Ungerechtigkeit auf den richtigen Boden fällt, kann Banalität den Auslöser dafür bieten, dass dies eine Richtung erfährt, in der die Eigenständigkeit des Denkens aufgegeben wird – immer wieder der Anfang für oft unverständliche Taten. Keine größere Straftat, um nur beim Kleinen zu bleiben, ist verzeihlich. Aber man kann sie verstehen, ja, man muss sie verstehen.

Denn immer kann man die Tat aus der Geschichte des Täters verstehen, wenn auch nicht tolerieren. Der große Fehler in der Bewältigung der NS-Geschichte ist, dass man den Tätern das Attribut der Unmenschlichkeit beigemessen hat. Ein gravierender Fehler. Denn es sind Menschen gewesen, ganz normale Menschen. Wir wollen uns nur nicht eingestehen, dass wir selbst in unserer grundlegenden Natur erst einmal nicht anders sind. Dabei würde uns genau dieses Einverständnis davor bewahren, Gefahr zu laufen, wie sie zu sein oder zu werden. Oder es ist eher die Voraussetzung dafür. Ich weiß heute und sehe das auch ganz klar, dass ich in sehr vielen Dingen bin wie mein Vater war. Doch weil ich gelernt habe, mich selbst immer wieder zu hinterfragen, habe ich mir eine ganz andere Lebenswelt als er aufgebaut. Und auch mein Bruder lebt in einer völlig anderen Welt als ich, obwohl wir uns als Söhne unserer Eltern in vielem ähneln. Gleiche Natur, doch eine ganz andere Ideologie und damit auch eine vollkommen andere Haltung dem Leben gegenüber.

Das Böse ist erschreckend banal

Stelle ich die Banalität des Bösen in Beziehung zu der Tatsache, dass Täter ganz oft auch erschreckend normale Menschen waren und sind, dann wird, jedenfalls für mich, deutlich dass es allein um die Banalität geht. Das ist der erschreckend simple Grund.  Es ist, wie schon Hannah Arendt in ihrer Untersuchung Eichmanns festgestellt hat, das eigentlich Erschreckende: die Banalität, eine Banalität, die einen wirklich fassungs- und sprachlos macht. Denn Höß, der Lagerkommandant von Auschwitz-Birkenau, war eben nicht nur das Monster, das man sich wünschen mag, sondern ein ganz normaler Mensch, wie ich seiner Biografie entnommen habe. Es ist der Punkt, an dem man oft nicht mehr weiterdenken mag: Ein liebevoller Ehemann und Vater und ein grausiger Massenmörder. Genau das Selbe ist mir in Pirna begegnet, wo ich mit einem Freund war. Dort waren es Berichte von Ärzten, in denen geschildert wurde, warum die sich an den Morden beteiligten. Sie wollten einfach nur Karriere machen. Ganz normale Menschen.

Entschuldigt das? Nein, das kann es nicht, absolut nicht. Aber es macht etwas deutlich, das jedem zu denken geben sollte, eigentlich zu denken geben muss: Man darf nicht aufhören, eigenständig zu denken. Aber das alleine genügt nicht, es braucht auch eine Ethik, an der man sein Denken ausrichtet, eine Ethik, die absolut niemanden ausgrenzt. Zu groß ist sonst die Gefahr in einen Sog zu geraten, aus dem es dann nur ein schwieriges Entkommen gibt. Sintis, Roma und Juden wurden ausgegrenzt, weil ihre Art zu leben als nicht normal empfunden wurde. Und das war der Anfang von Auschwitz, Menschen, die als Gefahr für die eigene Lebensweise empfunden wurden. Betrachten wir doch einmal unsere eigene Realität. Grenzen wir nicht auch permanent andere aus?

Es beginnt schleichend

Es fängt ganz langsam an, schleichend. Und genau das tut es gerade wieder. Wir müssen genau hinschauen, was und wer ausgegrenzt wird. Ganz genau. Was oft als scheinbar verzeihliche Nachlässigkeit beginnt, kann gravierende Folgen haben, wenn man nicht mehr merkt, wo man hineingerät. Es ist eben eine Illusion zu glauben, wir könnten mal so und mal anders handeln. Diese Art der Kontrolle haben wir definitiv nicht. Es ist unsere Haltung, die den Weg vorgibt, den wir gehen, und nicht unser Verstand. Und je kritischer es wird, desto weniger Flexibilität haben wir, desto schwerer fällt es uns, gegen den Mainstream zu argumentieren. Daher tun wir gut daran, unsere Haltung gerade auch in belanglosen Dingen zu schulen und immer wieder zu klären. Wenn wir in einem normalen Zimmer mit dem Feuerzeug an-aus spielen, kann das lustig sein. Doch wenn wir das auch in einer Scheune voller Stroh tun, ist das brandgefährlich. Nur wir wissen auch, wie anhänglich Gewohnheiten sein können und wie schwer es oft ist, solche Muster einfach mal sein zu lassen. Wie heißt es doch so schön? „Hätte, hätte Mopedkette …“ Wir denken und handeln eben nicht im Konjunktiv. Definitiv nicht.

Doch was ist (oft bis meist) die (selten) reflektierte Triebfeder für unser Handeln? Ganz einfach: Wir wollen dazu gehören. Das ist der Beweggrund für vieles, was wir bei klarem Verstand vielleicht nicht tun würden. Unser einziger Schutzwall gegen die allgegenwärtige Verführung ist eben wirklich selbst und eigenständig zu denken und dabei auf eine klare, humanistische Ethik aufzubauen. Und man muss in der Lage sein, es mit eigenen Worten auszudrücken. Nachplappern hilft nichts. Was wir genauso dringend brauchen, ist eine Kultur des Feedbacks. Wie soll ich denn merken, was ich denke, wenn ich es nicht in den Reaktionen der anderen gespiegelt bekomme? Die Welt rückt immer mehr zusammen, doch es wird noch immer nicht dialogisch geredet. 

Man muss das Ganze sehen, will man verstehen

Nichts zu sagen heißt letztlich wegzuschauen. Wegschauen aber ist keine Option. 1933 waren die, die weggeschaut haben, das Zünglein an der Waage. Wir dürfen nicht vergessen, Hitler kam mit demokratischen Mitteln an die Macht. Er war letztlich nur die Galionsfigur, der eine bereits vorhandene Stimmung aufgegriffen hat und ihr ein Gesicht gab. Er hat auf der Welle gesurft; entscheidend aber waren die vielen, die genau das wollten, was er formulierte. Wie wäre es sonst auch möglich gewesen, was eben möglich wurde? Man muss auch laut sagen, was man sieht, selbst wenn man dabei Gefahr läuft, sich unbeliebt zu machen.

Dazu ein Zitat aus der Welt vom 19. 12. 2011: „Deshalb brauchte es gar keine Hitler-Weisung, um den Massenmord umzusetzen – das geschah aufgrund von regionalen Initiativen der SS und (vor allem im besetzten Jugoslawien) der Wehrmacht. An der zentralen Rolle des Diktators ändert das nichts, denn ohne die von höchster Seite stets signalisierte Zustimmung zur Menschenvernichtung wären die mittleren Befehlshaber vor Ort wohl nicht darauf gekommen, ihr grausames Geschäft bis zur äußersten Konsequenz zu treiben. Jede Suche nach dem einen Hitler-Befehl wird also erfolglos bleiben: Es hat ein solches Papier niemals gegeben, es war gar nicht nötig.“

In einem Artikel auf Spiegel online vom 01.02.1989 steht folgendes: „Die Schlussfolgerung muß erweitert werden, um zu lauten: Kein Drittes Reich ohne die historische Situation von 1918 bis 1933 noch ohne den Mann, der es verstand, sie auszunutzen. Für sich allein betrachtet, reicht keines der beiden Phänomene als Erklärungsgrund.“ Doch diese Aussage ist nicht valide, denn es werden Dinge in Beziehung zueinander gesetzt, die man nicht in Beziehung setzen kann, sie klammert etwas aus beziehungsweise verschweigt es. Es sind die Menschen, denn nur die handeln und keine „historische Situation“.

Es ist die Haltung der Menschen, die es möglich macht 

In einer ganz alltäglichen und auch banalen Geschichte wird offensichtlich, wo der Kern liegt, in der VW Dieselaffäre. Ohne die, die bereitwillig mitgemacht haben, hätte ein Winterkorn oder wer auch immer nichts erreicht. Es ist wie bei einem Flugzeugabsturz. Es ist meist die Verkettung einzelner, für sich gesehen relativ unbedeutende Fehler, die letztlich die Katastrophe auslösen. In Dachau ist gut dokumentiert, wie die Münchner Bourgeoisie lange Zeit glaubte, den kleinen Maler schon unter Kontrolle zu haben. Eine schreckliche und letztlich in ihrer Konsequenz grausame Fehleinschätzung, eine Anmaßung und Überheblichkeit mit grauenhaften Folgen. Gesehen haben das wohl nur wenige. Und wer sagt mir, dass das nicht jederzeit wieder passieren kann? Das ist für mich der Auftrag, den Auschwitz heute für die Menschen beinhaltet: Sich aus Gier, Hass, Wut, Neid genauso wie aus Selbstsüchtigkeit zu lösen und sich vor jeglicher Anmaßung und Überheblichkeit zu hüten. 

Wie gesagt, das Böse ist letztlich banal, so grausam es sein kann. Es ist also nicht das Ende, das wir betrachten müssen, sondern es sind die leisen Anfänge, deren wir gewahr sein müssen, und die allzu leicht korrumpierbare Natur des Menschen, seine Bereitschaft, sich verführen zu lassen. Warum aber würde Hannah Arendt so sehr für ihre Analyse Eichmanns angegriffen? Einfach deshalb, weil es nicht allein „die Bösen“ sind, sondern die immer auch die Massen brauchen, ohne die sie ja nichts sind. Also läuft doch jeder immer wieder Gefahr, verführt zu werden, wenn er nicht eine klare Haltung hat, die ihn davor schützt und für die auch konsequent eintritt.

Entscheidend ist, was der Einzelne tut

Es kommt also nicht darauf an, was man „tun müßte“ sondern darauf was ich oder jeder einzelne in jedem Augenblick ohne jegliche Nachlässigkeit tue. Es ist leider nicht der Verstand, der uns auf eine bestimmte Art und Weise handeln lässt, sondern unsere innere Haltung. Die können wir zwar durch den Verstand kultivieren, doch das ist ein langfristiger Prozess, der der konsequenten dauernden Übung bedarf.