Wenn die Angst mitfährt. Oder mithört.

Lassen sich die Herausforderungen, die man beim Motorradfahren hat, auf das ganz normale Leben übertragen? Eine interessante Überlegung!

Auf diese Frage kam ich, als ich den Artikel „Das Ding mit der Angst beim Motorradfahren“ von Karin Intveens las. Als ich mit 65 den Motorradführerschein machte, verdrehten einige mitleidig die Augen. Ein junger Mensch lernt das leicht, aber ein alter? Zu sehr war das Fahren mit dem Auto in meinem neuronalen Netzwerk gespeichert, und das bisschen Fahrradfahren machte keinen wirklichen Unterschied. Jeder Fahranfänger weiß, dass Motorradfahren gerade am Anfang vielmehr eine einzige Reizüberflutung ist. Und erst recht, wenn man schon älter ist.

So ungefähr stelle ich es mir vor, wie es jemand erlebt, wenn er meine Texte liest, sich aber noch nie mit der Thematik befasst hat. Eine Reaktion, die vielleicht vergleichbar mit einem Unfall ist, wenn so ziemlich alle bisherigen positiven Erfahrungen von einer Sekunde auf die andere über den Haufen geworfen werden. Der Grund dafür, so Frau Intveens, liege in drei Faktoren: zu schnell, zu viel, in zu kurzer Zeit. Diese drei Faktoren zusammen lösen in unserem Nervensystem und in unserem Körper einen Super-GAU aus.

So stelle ich es mir vor, wenn jemand das erste Mal mit Gedanken der verrückten Quantenwelt oder dem Denken der Zen-Philosophie konfrontiert wird, was ja letztlich auf dasselbe hinausläuft. Was da im Gehirn eines Menschen abläuft passiert so schnell, dass man die Ursache für die sich einstellenden Gedanken überhaupt nichts mitbekommt. Klarer Fall von Reizüberflutung.

Man hat einfach zu wenig Zeit – nicht anders als bei einem Unfall – sich darüber klar zu werden, was da auf einen einwirken wird und sich vor dem zu wappnen, was da kommt. Die Folge: Komplette Überforderung. Da aber Körper und Geist nicht wirklich zu trennen sind und jeder geistige Schmerz sich leider oft unbemerkt körperlich auswirkt, springt, ohne dass wir es verhindern könnten, unser Abwehrsystem an. Schaltet aber der Körper auf „Gefahr“, schaltet auch der Geist auf „Gefahr“. Wohlgemerkt, ohne dass man das so ganz offensichtlich mitbekommt. Was als tun bei einer solchen Gefahr? Angriff oder Flucht? Oder erstarren, weil weder Angriff noch Flucht möglich sind?

Wenn aber der Unfall oder die Konfrontation mit einem dem normalen gesunden Menschenverstand völlig widersprechenden Text so schnell und ohne Vorwarnung passiert, dass das Gehirn, und jetzt kommt der Ca­sus knack­sus, überhaupt keine Chance hat, mögliche Abwehrreaktionen auszulösen, produziert der Körper den kompletten Hormoncocktail, den er für Flucht oder Angriff brauchen würde – nur bekommt er keine Chance für Flucht oder Angriff. Denn Flucht oder Angriff existieren als Option in einem Unfall nicht. Und genau diese Option gibt es auch nicht, wenn man mit einem Text konfrontiert wird, der das eigene Welt- und damit auch das eigenen Selbstbild mal so ordentlich in Frage stellt.

Und genau das passiert auch bei einem ungewollten Gespräch über Dinge, die man eigentlich nicht hören will. Nicht ohne Grund beginnt der wirkliche Dialog mit dem Durchleben der Konfliktzone. Man reagiert körperlich, wie gesagt, ohne es vielleicht zu merken, obwohl es doch nur um gedankliche Dinge geht. Entscheidend ist jetzt, wie man nicht mit dem Ereignis an sich, egal ob Unfall oder provozierender Text, sondern wie man mit der Reaktion umgeht.

Im Falle „Text“ hilft daher nur eines: Offen darüber zu reden. Wie gesagt über die Reaktion, nicht über den Text. Karin Intveens schreibt, dass wir nicht zum Motorradfahren geboren sind. Das stimmt. Bedeutet das auch, um in der Analogie zu bleiben, dass wir so sehr auf ein „falsches“ Leben hin konditioniert sind, so sehr in unseren Ritualen gefangen sind, dass wir gar nicht mehr außerhalb dieser Konvention agieren können, uns das schlicht und einfach den Angstschweiß auf die Stirn treibt?

Ja, ich glaube das ist so. Also müssen wir erst einmal verstehen, was ein Leben in der Konvention überhaupt bedeutet, bevor wir daraus aussteigen können.