Was können wir wirklich wissen?

Wie entscheide ich, was richtig ist und was falsch? Das Dilemma, in das uns Chan immer wieder bringt, das ist die Sache mit der Wahrheit. Wahrheit existiert nicht ohne den bewertenden Beobachter. Zen-Meister Sosan hat es einmal so formuliert:

Ihr braucht die Wahrheit nicht zu suchen,
wenn ihr nur eure vorgefassten Urteile und Meinungen ablegt.“ 

Unsere „normale“ Auffassung von Wahrheit bewegt sich demnach innerhalb des Rahmens des konzeptionellen und dualistischen Denkens. Das würde nun bedeuten, dass wir uns nur von unseren täuschenden Vorstellungen befreien müssten, um die absolute Wahrheit, die Perspektive der Einheit und Ganzheit, erfahren zu können.

Ein neu geborenes Kind kennt weder richtig noch falsch, es kennt weder seine Mama noch sich selbst, es weiß nicht, dass es gerne Milch hätte, es spürt nur Hunger, aber es „weiß“ das nicht und es sieht die Brust der Mutter nicht als etwas von sich selbst Getrenntes. Bis sich dann irgendwann dieses Ich-Bewusstsein herausbildet. 

Doch es ist wie in der Physik. Quantenmechanisch betrachtet wirkt auf einen fallenden Apfel keine Gravitationskraft. Und Zeit ist nicht linear, Materie gibt es nicht wirklich und irgendwie ist alles ganz anders. Doch im alltäglichen Leben gehe ich nach wie vor davon aus, dass Äpfel fallen, ich zu spät kommen kann, wenn ich die Zeit nicht linear messe und eine Betonwand sehr stabil ist, wenn ich durch sie durch will.

Aber die Quantenmechanik hebelt die klassische Physik nicht aus, genauso wenig, wie die absolute, unausgesprochene Wahrheit, in der der Säugling lebt, die relative Wahrheit des Wissens aushebeln oder aufheben könnte. Die Kunst besteht darin, beide gleichermaßen zu sehen, zu wissen, wann man sinnvollerweise die eine Perspektive nutzen sollte und wann die andere.

Aus der absoluten Perspektive findet unmittelbares Erleben ausschließlich in der Gegenwart, im „Jetzt“ statt, also „in“ dem unendlich kleinen Umschlagpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft (wobei ich so etwas wie einen „Umschlag“ der Vergangenheit in die Zukunft niemals wahrnehme), doch die Vergangenheit existiert nicht mehr und die Zukunft noch nicht. 

Andererseits kann ich mein Leben schwerlich organisieren, würde ich nicht auch so tun, als gäbe es Vergangenheit und Zukunft. Ich könnte mich an keinen Urlaub mit meiner Frau erinnern, wüßte nicht, wie alt ich bin und hätte keine Ahnung, was ich die nächste Zeit machen werde. 

Die absolute Aussage, dass es keine Wahrheit gibt, die ein Mensch wissen kann, bedeutet jedoch nicht, dass es keine „keine Wahrheit“ gäbe! Es gibt die Lüge und das Falsche; die Wahrheit selbst ist offen. So ist es wahr, dass Geschlechter nicht eindeutig definiert sind, doch die Behauptung, Männer könnten Kinder gebären, ist bis jetzt noch immer eindeutig falsch.

Und exakt dies ist die paradoxe Situation, die es zu erkennen und gedanklich zu meistern gilt. Zurück zu Sosan. Wenn ich meine vorgefassten Urteile und Meinungen abgelegt habe, dann gibt es auch keine Wahrheit mehr. In dem Moment aber, indem ich mit einer Meinung oder einem Urteil konfrontiert werde, gibt es auch (wieder) richtig und falsch, es sei denn, ich bin noch ein Säugling, der noch nicht zu differenzieren weiß. 

Ich finde dass man das am Motorradfahren ganz gut erklären kann. Der eine fährt und macht sich keine Gedanken darüber, wie er um die Kurve kommt, er fährt eben. Ein anderer, ich etwa, mache mir da schon meine Gedanken wenn es nicht so funktioniert wie es funktionieren sollte, schließlich habe ich 6 Semester Physik studiert. Also studiere ich den Kammschen-Kreis, mache mir die physikalischen Kräfte und die ganze Dynamik bewusst. Doch damit fahre ich noch keinen Deut besser durch die Kurve. Ich muss es eben erst noch lernen, solange, bis es ganz automatisch klappt und ich die Physik und alles was dazu gehört vergessen kann.

Wenn es also funktioniert, ist alles gut. Wenn nicht, dann muss man entweder ganz schön lange trainieren, bis man es endlich intuitiv begriffen hat. Oder aber man schaut sich das genau an, eignet sich also Wissen an und lernt dann, das umzusetzen. Alan Watts hat einmal Zen mit einer Autobahn auf den Gipfel verglichen. Das Beispiel ist ein bisschen schwierig, denn ich laufe (und fahre) lieber verschlungene Pfade und lasse die Autobahn links liegen. Aber als Metapher dafür, etwas entweder schnell zu kapieren oder umständlich selbst zu erfahren, ist es perfekt.

Natürlich erspart einem auch Chan / Zen nicht, das man es selbst macht, aber das Wissen und die Erfahrung der Zen-Patriarchen ist eben der Hinweis auf den schnellen, direkten Weg. Und wenn mich jemand fragt, wie er nach Erlangen kommt, dann gibt es richtig und falsch, vorausgesetzt, er will den direkten Weg nehmen und für die 10 Minuten Fahrzeit keine 10 Stunden brauchen. 

In diesem Zusammenhang taucht aber noch eine andere Frage auf. Mal angenommen, die erreichbare, weil mögliche Schräglage betrüge 50 Grad. Doch viele werden viel früher aufhören – warum auch immer. Sie fahren dann mit 40 Grad und ohne nachzudenken durch die Kurve. Doch das heißt nicht, dass sie damit auch im Bereich der absoluten Wahrheit über die Schräglage wären. Es ist nur ihre relative Wahrheit! Und wer oder was sagt mir das? Richtig, die Physik und die Technik. Man kann ganz logisch herleiten, dass noch mehr „gehen“ könnte. Aber es geht dann nur nicht-bewusst. Etwas zu wissen und es auch zu tun tun ist nicht das selbe.

Wissen definiert nicht die Grenzen, innerhalb denen ich mich bewege, aber es markiert sie und kann mir deutlich machen, wo ich mich in meiner Bewegung reduziere. Und das gilt auch für das Denken.