Verinnerlichen

Die letzte Station. Und die entscheidende, die, die über das Gelingen entscheidet. Doch zuerst stellt sich eine wegweisende Frage, nämlich was „verinnerlichen“ bedeutet. Heißt es, dass man ein Thema für sich selbst so zurechtbiegt, bis es eben passt, oder heißt das, es so zu lassen, wie es ist?

Oft ist es ja so, dass eine Internalisierung nach dem Muster der Konversion erfolgt. Aus einem Saulus wird ein Paulus. Es ist, als spräche plötzlich ein anderer aus dem bekehrten Menschen. Der andere, der Meister, wird „his master’s voice“, egal, wer der Meister ist – eine andere Person, eine Weltanschauung, eine religiöse Idee, eine Ideologie. Das kennen wir aus der Geschichte und dem alltäglichen Leben zu Genüge. Warum das so passiert? Weil, wie Simone Weil es treffend formuliert hat, es bequem ist, nicht selbst zu denken.

Und wenn es schief geht will man nicht wahrhaben, dass man dabei war, man übernimmt keine Verantwortung für das eigene Tun, sondern schiebt es auf den Meister, die Weltanschauung, die Ideologie. Man wurde verführt, manipuliert, gelenkt. Die anderen haben eben die Verantwortung und damit die Schuld. Der von einem Thema oder einer Ideologie Überzeugte opfert seine eigene, bisherige Auffassung der neuen, wahrscheinlich, weil er sich der eigenen nicht sonderlich sicher oder von ihr überzeugt war. Und wer sich seiner Sache nicht sicher ist, der wird eben zu einem Fähnchen im Wind.

Die andere und meiner Ansicht nach einzig richtige Verinnerlichung ist die der Adaption beziehungsweise Assimilation. Das Thema wird aufgenommen und regelrecht verdaut, der psychische Stoffwechsel macht es einerseits zu etwas Eigenem, man verändert sich dabei, verändert aber auch das Adaptierte. Kennen Sie die Borg aus der Serie „Raumschiff Enterprise“? So etwa stelle ich mir das vor, nur natürlich unter einem gänzlich anderen, positiven Aspekt. Das bis dahin Fremde ist nicht mehr fremd.

Bei Diskussionen merkt man das sehr leicht, wenn eine Meinung im Zuge der Konvention angenommen wurde, denn sie wird vehement verteidigt, statt dass sie reflektierend dargelegt würde. Ganz anders hingegen, wenn etwas zu Eigenem wurde, da ist dann eine Selbstverständlichkeit, die sich nicht verteidigen muss. Das Faszinierende ist, dass gerade die Auflösung der Grenzen zwischen Ich und Verinnerlichtem dafür sorgt, dass ich eine kritische, reflektierende Distanz sowohl zu mir selbst als auch zu dem behalte, was ich adaptiert habe. Ich gebe mich dem nicht hin, sondern bleibe in der (Selbst-) Reflexion.

Ich kann aus der eigenen Erfahrung nur bestätigen, dass es so ist. Beispielsweise meine politische Meinung lässt sich mittlerweile keiner Gruppe oder Partei mehr zuordnen, was mich selbst regelrecht zwingt, eigenständig zu denken. Eigenständiges Denken ist die Voraussetzung für Autonomie. Wichtig ist, dass nur durch den Prozess der Adaption, der vollständigen Assimilierung, Wissen zu Nicht-Wissen werden kann.