Hurra, ich gehöre dazu!

Doch zu welchem Preis? Kürzlich las ich bei Wilhelm Klingholz einen Text von Simone Weil, in dem sie über das Verhalten der Menschen schrieb, die einer Partei angehören und sich in seinem Denken deren Autorität unterwerfen und nichts hinterfragen. Doch das gelte nicht nur für Parteien, auch für Glaubensgruppen.

Da ich selbst mal Mitglied einer Partei und auch einer Glaubensgemeinschaft oder eher einer Glaubensorganisation war kann ich nur bestätigen, dass sie da meines Erachtens völlig richtig liegt. Erst als ich diese Gemeinschaften wieder verlies merkte ich, wie bereitwillig ich Positionen ungeprüft  übernommen und nicht hinterfragt hatte. Es war ein Aspekt, der für mich stimmig war, den Rest nahm ich in Kauf. Zu Beginn meiner Mitgliedschaft in der SPD verstand ich mich als ein SPDler, jeder Andersdenkende war mir suspekt und wenn möglich versuchte ich das auch deutlich zu machen. Zum Schluss nervte es mich völlig, wenn es hieß „Sie als SPDler …“, als wären alle, die in dieser Partei sind, ein und derselben Meinung, nur weil sie das selbe Parteibuch haben.

Gestern Abend, es war wunderbares Wetter, saßen wir auf dem Keller (in Franken heißen Biergärten so) und ich beobachtete die Menschen. Mit einem Mal wurde mir bewusst, wie sehr doch die Gesellschaft fein eingeteilt ist in größere und kleinere Gruppen und Grüppchen. Da waren die Jäger, dort die Motorradfahrer, und dort die Freunde oder Familien. Alle hatten sie ein gemeinsames Thema oder einer unter ihnen war die zentrale Integrationsfigur. Und wenn es um unterschiedliche Ansichten ging, wurde heftig diskutiert, bis man wieder einer Meinung war. Denn das schien irgendwie wichtig zu sein, eine Meinung zu haben. Bitte nur nichts hinterfragen! Nicht auf einer konträren Meinung bestehen! Und warum das alles? Nur um dazuzugehören! An dem Tisch, an dem ich sitze, habe ich ein wenig den Exotenstatus, einfach deshalb, weil ich meist nichts sage und lieber zuhöre. Aber der Preis ist hoch, denn oft halte ich auch meine Meinung zurück über das, was so gesagt wird, vor allem über Andere. 

Und wenn nicht die Anderen das Thema sind, dann ist es die Biertemperatur – zum was weiß ich wievielten Mal. Warum? Um dazuzugehören. Was machen wir nicht alles, nur um nicht ausgeschlossen zu sein oder zu werden. Mit einem Motorrad mit 45 PS kommt man z. B. wunderbar mit den anderen mit. Voller Fahrgenuß. Wozu brauche ich dann eines mit 150 PS? Und warum muss auf meiner Jacke irgendein Markenname stehen? Und wenn ich eine Harley fahre, warum muss dann auch jeder sehen, dass ich eine Harley habe, auch wenn ich nicht auf dem Motorrad sitze? Oder warum muss ich, wenn ich denn eins habe, mein iPhone so auf den Tisch legen, dass auch jeder sieht, dass ich eines habe? Geht es darum, ein bestimmtes Motorrad zu haben oder geht es um das Motorradfahren?

Wie nannte das doch Erich Fromm? Marketingcharakter des Menschen. Es ist traurig, aber wahr. Wir verkaufen unsere Seelen, nur um dazuzugehören. Was bleibt dabei auf der Strecke? Nein, nicht nur das Denken, wie Simone Weil schrieb, wir selbst bleiben dabei auf der Strecke, wir sind nicht mehr wir selbst, nur noch eine angepasste Figur. Was aber hilft uns das zu beenden? Eigenständig zu denken, wie etwa Hermann Hesse es formulierte. Oder Albrecht Dürer. Wie heißt es doch in einem Artikel der Zeitung „Die Welt“ vom 25.10.2016? „Wir verlassen uns darauf, dass für uns gedacht wird. Doch ich glaube nicht, dass es eine Frage der Trägheit ist, wie Ernst Pöppel meint. Ich halte das eher für ein Symptom, die eigentliche Ursache, der wirkliche Grund, ist dazugehören zu wollen, nicht ausgeschlossen zu sein.

Da fällt mir immer gleich Étienne de La Boëtie und seine Schrift „Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen“ ein. Früher habe ich immer gedacht, die Triebfeder für das Verhalten vieler Menschen sei der Zipfel Macht, nach dem sie zu greifen suchen wie nach Mamas oder Papas Rockzipfel. Gestern war ich mit meinem zweijährigen Enkel spazieren. Und es war gut zu beobachten, dass er sich erst dann frei bewegte, wenn er seinen Bezugspunkt (Mama) im Blick hatte. Da war er sicher. Doch wenn wenn wir (altersmäßig) erwachsen geworden sind, hört das ganz offensichtlich nicht auf. Wir suchen weiter unseren Bezugspunkt. Doch leider suchen wir ihn wohl da, jedenfalls die meisten von uns, wo wir ihn nicht finden werden. 

Und genau deswegen verkaufen wir uns lieber, bevor wir alleine sind. Aber vielleicht geht es ja genau darum, alleine sein zu können. Wir Menschen sind soziale Lebewesen, wir leben durch und in der Beziehung. Aber vielleicht würde uns das Alleinsein helfen, wieder eigenständig denken zu können? Und vielleicht liegt der Fehler darin, dass wir einen Widerspruch zwischen Eigenständigkeit und Gemeinschaft sehen und eben kein Tetralemma. Möglicherweise ist beides wahr, dass wir nämlich sowohl eigenständig sind wie auch Gemeinschaft brauchen! Doch die Frage ist, ob wir Gemeinschaft zu eng definieren? Oder Eigenständigkeit falsch? 

Irgendetwas stimmt da definitiv nicht. Sonst würde der Marketingcharakter keinen Sinn machen.