Habe ich die Wahl?

Denkt der Mensch und Gott lenkt? Das ist die Frage, die sich mir kürzlich in einem Gespräch stellte, das ich erst einmal mit den Worten „darüber muss ich nachdenken“ beendete. Hier also meine Gedanken dazu. Fritz Perls sagt, jedenfalls finde ich das, ganz zu Recht, dass Verantwortung die Fähigkeit sei zu antworten. Aber, und das ist die Frage, liegt diese Antwort in meiner Hand oder nicht? Bewusst sicher nicht, denn ich handle immer automatisch, ob ich will oder nicht. Über die aktuelle Situation habe ich keine Kontrolle, wohl aber kann ich mein Verhalten durch meine Haltung definieren.

Den Inhalt, also das, was ich tue, kann ich nur beschreiben, die Form aber, also meine Haltung, kann ich definieren. Wobei definieren nicht ganz das richtige Wort ist, aber mir fällt gerade kein besseres ein. Ist ja auch immer wieder mein Problem mit einer Sprache, der eine ganz andere Weltsicht zugrunde liegt wie meine eigene. Aber egal, ich frage erst einmal Wikipedia, was die dazu meinen:

„Der Begriff der Verantwortung bezeichnet nach verbreiteter Auffassung die einer handelnden Person oder Personengruppe (Subjekt) gegenüber einer anderen Person oder Personengruppe (Objekt) zugeschriebene Pflicht aufgrund eines normativen Anspruchs, der durch eine Instanz eingefordert werden kann.

Handlungen und ihre Folgen können je nach gesellschaftlicher Praxis und Wertesystem für den Verantwortlichen zu Konsequenzen wie Lob und Tadel, Belohnung, Bestrafung oder Forderungen nach Ersatzleistungen führen. Die der Verantwortung zugrunde liegenden gesellschaftlichen Normen können einen rechtlichen, religiösen, weltanschaulichen oder moralischen Ursprung haben.

Die Verantwortung kann aber auch auf einem selbst gewählten Ideal als einer nur individuell gültigen Norm beruhen. Allerdings ist auch in diesem Fall der Anspruch an Wirkungen gegenüber anderen Personen oder Institutionen gebunden.“

Ja, so wird das gemeinhin gesehen. Doch für mich ist Verantwortung wohl etwas ganz anderes. Es ist meine Art, wie ich auf die Situationen reagiere, die mir im Leben begegnen. Das Leben stellt mir eine Frage und ich antworte. Natürlich nicht in der konkreten Situation, da geht das automatisch, aber durch meine Haltung definiere ich den Pool, in dem meine Antworten als Prinzip potenziell vorhanden sind. Es ist die Form, die den möglichen Inhalt gestaltet, so wie ein StyleSheet eine Website gestaltet. Oder das Medium die Inhalte, wie Marshall Mc Luhan korrekt feststellte. Inhalte kann ich nur erleben, mit der Form aber gestalte ich sie. Die Frage ist also, ob ich auch die Form gestalten kann. Ich sage ja, kann ich.

Die Antwort findet sich, wie ich finde, in dem Artikel von Robert Gassner „Der lange Weg zum Nichts“. Das „Problem“ ist, dass wir Dinge klar definieren wollen, und das bitte auch noch vorab. Doch wir können die Wirklichkeit eines Teilchens nun einmal nicht definieren, so traurig das auch sein mag, wir können sie nur beschreiben. Und nicht anders ist es in unserem eigenen Leben, auch wenn uns das leider alles so fürchterlich konkret zu sein scheint. Was passieren wird ist nicht definiert, so wenig wie ein Elektron klar positioniert wäre; alles bewegt sich in einem Feld des Möglichen, nicht der Möglichkeiten. Und durch meine Haltung schaue ich wie ein Physiker bei einem Versuch und bekomme genau das Ergebnis, auf das ich eben schaue, nicht dass ich es konkret sehen würde, sondern ich habe eine entsprechende Haltung, etwas mitfühlend zu sein, aber ohne dass ich mit strafendem Blick beobachte, was ich da tue. 

Doch es geht nicht vordergründig darum, zu erwachen, sondern die richtigen Antworten geben können. Kann ich in dieses Nichts, diese Leere eintauchen, bin ich in der Lage mein „Ich“ zu überwinden, dann gebe ich die richtige Antwort, wobei es sich hier nur um ein sprachliches „Ich“ handelt. Insofern stimmt die Aussage, dass „Ich“ es nicht in der Hand habe, ich aber auch keine Flipper-Kugel bin, die hilflos hin- und hergeschossen wird. Denn wenn ich mir bewusst bin, dass ich gerade herzlich unfreundlich bin, dann, jedenfalls hoffe ich das, werde ich das aufhören. Einfach so. Denn ich gehe davon aus, dass der Mensch gut ist, so wie ein Eisbär gut ist, weil der mit einem Husky spielt, wenn er gerade keinen Hunger hat. Gut für den Husky.

Nein, Gott lenkt uns nicht. Wenn, dann schaut er uns nur zu. Wenn ich von der Idee der Dialektik ausgehe, dann heißt das, dass ich nicht nach einem Ideal streben kann, einfach, weil es das nicht gibt, sondern dass ich in der dialektischen Auseinandersetzung Sinn suche. Und dieser Sinn ist nicht „da“, ich definiere ihn, aber nicht ich alleine, sondern im Dialog mit allen anderen.