Es ist an der Zeit, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben

Wir schlafen mehrheitlich nicht mehr, aber wach sind wir auch nicht wirklich. Warum das so ist?

Wissen könnten wir eigentlich schon lange, dass unser übliches Weltbild ins 17. / 18. Jahrhundert gehört, aber nicht in unsere Zeit. Und die Probleme, die wir aktuell haben, haben unmittelbar damit zu tun, sie sind eine Folge des Denkens in den Kategorien dieses Weltbildes. Und mit nichts anderem. Das hängt mit der mechanistischen Art und Weise zusammen, mit der wir die Welt mehrheitlich sehen. Aber die Welt funktioniert ganz anders. Nachweislich. Früher hat das keine Rolle gespielt, mittlerweile aber schon. Beispielsweise ist die Wirtschaft weltumspannend geworden, doch in den Köpfen sieht es aus, als lebten wir in kleinen, voneinander abgeschotteten Fürstentümern.

In Wirklichkeit ist die Welt ein Lebewesen, wir aber denken und handeln so, als sei sie ein aus Teilen zusammengesetztes Etwas. Wir definieren Dinge mit klaren Zuweisungen, doch das können wir nicht; tatsächlich sind wir nur in der Lage, sie zu beschreiben. Wir können davon ausgehen, dass sich die Grundstrukturen unseres Denkens ebenso ähneln wie der Aufbau unseres Körpers. Das ist ein ultimativer Vorteil. Doch uns muss auch klar sein, dass darüber hinaus der „Organverbund des Denkens“, und zwar jedes einzelne Organ davon, so einzigartig ist wie unsere Physiognomie und Konstitution.

Wenn ich mit einem Freund auf einer Motorradtour unterwegs bin, reden wir erst einmal miteinander, wie wir fahren. Wenn jeder fährt, wie er möchte, ist es schnell vorbei mit der Gemeinsamkeit. Und genau da steckt das Problem drin. Die Diskussionen, die wir führen, betreffen sehr wohl gravierende und auch existenzielle Probleme, doch die Schuldzuweisungen und Lösungsstrategien gehen an dem eigentlichen Problem vorbei. Wir reden nicht MITeinander.

Ein Beispiel: Gestern las ich einen Text, in dem der Autor feststellt, dass Homosexualität auch in der Natur vorkommt und demnach normal sei. Stimmt. Aber er stellte nicht die Frage, aus welchen Gründen das denn so ist. Und schon wäre es vorbei mit „normal“. Wir fragen einfach nicht nach den zugrundeliegenden Prozessen, weil wir mehrheitlich nicht in Prozessen denken. Aber genau das müssten wir tun! Und ständig suchen wir Inhalte zu definieren, statt dass wir endlich akzeptieren würden, dass allein die Form und die Beziehung den Inhalt machen. Warum aber tun wir uns damit so schwer?

Es steckt eine Menge Gewalttätigkeit in den Meinungen, die wir verteidigen. Sie sind nicht lediglich Meinungen, nicht lediglich Annahmen; sie sind Annahmen, mit denen wir uns identifizieren und die wir daher verteidigen, weil es ist, als würden wir uns selbst verteidigen. Das sagte David Bohm. Wie gesagt, die Probleme sind ernst. Und umso ernster, als die „Lösungen“ aus dem völlig falschen Denken kommen und folglich nirgendwohin führen können. Niemand weiß wirklich, was zu tun ist. Und wirklich niemand kann das wissen, solange wir nicht miteinander reden. Das wäre nämlich der Anfang einer Lösung. Nicht nur reden, sondern ernsthaftmiteinander zu reden. Dialogisch.

Wer denkt, er wüsste, was inhaltlich zu tun wäre, der irrt. Mir ist klar, dass das viele gewaltig frustrieren muss, wenn man damit beginnt zuzugeben, dass man nicht weiß, was konkret zu tun ist. Wir müssen nach der stimmigen Form suchen und nicht nach Inhalten. Erst wenn wir die Form ändern, werden Inhalte auftauchen. Unsere Form, sowohl die des Einzelnen wie die einer Gruppe oder der Gesellschaft, ist unsere Haltung. Ändert sich die Haltung, ändern sich auch die Inhalte. Wir müssen uns also genau überlegen, wie wir uns organisieren. Ein Beispiel: Bin ich mir sicher, dass meine Ansichten korrekt sind und hinterfrage ich sie dementsprechend auch nicht, werde ich nicht sonderlich kreativ sein. Den Kreativität ist das ziemliche Gegenteil von Sicherheit. Und wenn ich besser Steinwald als bisher, muss ich mich selbst in Frage stellen können. Die Kunst, die es zu lernen gilt ist, sich immer wieder zu hinterfragen, ohne deswegen den Halt zu verlieren.

Ist wie bei der Meditation. Warum nutzen so wenige diese wunderbare Möglichkeit? Weil es keinen Nutzen gibt. Wie heißt es doch immer? „Es gibt nichts zu erreichen.“ Wir sind aber derart auf Nutzen aus, derart marketingorientiert, dass wir das darin liegende Potential brach liegen lassen. In meiner Jugend hat so ziemlich jeder „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm gelesen. Oder Bücher von Arno Grün. Wir haben vielleicht nur noch nicht begriffen, dass Adornos Satz wahr ist: Es gibt nichts Richtiges im falschen Leben.Wir hören einfach nicht auf unsere Philosophen. Warum nicht? Weil die keine Lösungen parat haben, sondern nur Form-Konzepte. Doch kaum einer ist bereit, sich damit auseinander.

Wir regen uns über Politiker auf, doch machen wir wirklich etwas anders? In meinem Jurastudium habe ich gelernt, dass das Rentensystem zu bröseln anfängt. Mittlerweile über 40 Jahre her. Bald sind es 50. Doch was ist passiert? Nichts! In meiner Studentenbude hing ein Che Guevara Plakat. Eine Mao-Bibel hatte ich auch, klar. Gelebt habe ich eher untypisch. Doch mit dem Beruf hat das ziemlich aufgehört, es hat gerade noch für ein Engagement bei der SPD gelangt. Nicht die anderen haben was getan, ich bin ganz von alleine ein braver Diener des Systems geworden und habe mich in die freiwillige Knechtschaft begeben. Die Geld-Karotte hatte gewirkt.

Was aber war mein Fehler? Ich war dagegen, grenzte die aus, die ich nicht mochte. Klares Freund-Feind-Denken. Und ich hatte Lösungen im Kopf, „wusste“ was man tun müsste. Aber das funktionierte eben nicht. Viel zu spät habe ich mich gefragt, warum das nicht funktionierte, warum ich mich letztlich so angepasst verhielt. Ich denke, ich habe heute eine Ahnung davon. Es ist das Gegeneinander, dieses unsägliche Ausgrenzen, das mich scheitern und letztlich aufgeben ließ.

Und das macht mich regelrecht zornig und traurig, dass wir Menschen aus diesem Denken nicht herausfinden. Ein banales Beispiel. Viele, sehr viele nutzen WhatsApp. Ein System, das auf Nutzerrechte pfeift. Dabei gibt es gute Alternativen. Doch nur wenige lassen sich dazu bewegen, eine „saubere“ Lösung zu verwenden. Wie, wir finden WhatsApp toll, die Stasi aber nicht? Aber auch ich bin noch auf Facebook, weil man die Menschen sonst nicht mehr erreicht. Und genau da drin steckt das Problem, diese unsägliche Inkonsequenz, nur weil man mit den Folgen nicht leben mag.

Die Frage ist, was das mit diesem Text zu tun hat. Sehr viel, denn es ist ein perfektes Beispiel für fragmentiertes Denken. Und wenn wir so denken, weil wir meinen, ach, das macht doch nichts, dann sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass wir immer so inkonsequent denken, auch wenn wir es nicht direkt merken, wir können gar nicht anders, denn wir haben nun mal keine Kontrolle über unser Gehirn. Wir haben keine Wahl zwischen „richtig“ und „falsch“ zu denken, wir denken entweder richtig oder eben falsch. Und das merken wir an solchen Dingen wie WhatsApp zu Beispiel, wessen Geistes Kind wir sind.

Was also wollen wir wirklich? Weiterschlafen oder endlich wach werden? Wir können uns nur radikal für das Richtige entscheiden. Das aber gelingt uns nur, wenn wir keine Inkonsequenz mehr bei uns selbst dulden.