Dumm nur, wenn man etwas übersieht

Warum es wie immer ist und doch eigentlich ganz anders sein könnte. Gestern saßen wir beisammen, alle so um die 70, die einen mehr, die anderen weniger. Und da wir irgendwann dank Alexa in den Liedern unserer Jugend schwelgten, kamen auch Erinnerungen an unsere Jugendzeit auf. Und mit einem Mal stand wie ein Gespenst das Dritte Reich im Raum, denn das war ein beherrschendes Thema unserer Jugend, etwas, über das kaum einer sprach, sondern sich die meisten  lieber in tiefes Schweigen hüllten. 

Wäre ja vielleicht kein Problem gewesen, wenn es nicht die eigenen Eltern gewesen wären. Und dieses Schweigen hat uns erst einmal werden lassen, wie wir wurden. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass wir mehr oder weniger alle mit erhobenem Mittelfinger durch die Welt liefen. 

Es war eine verdammt schwierige Zeit für uns Kinder damals. Was sollten wir denn tun? Entweder wir übten uns in Trotz gegenüber den Eltern oder in blinder Treue. Aber Trotz und blinde Treue kommen ja oft aus der selben inneren Haltung, nämlich dem Gefühl, dass etwas nicht stimmig ist. Und wenn man nicht darüber reden kann, wird man trotzig oder eben blind.

Aber das war nur der Vorspann zu dem, was uns dann beschäftigte, nämlich dass rechtes Gedankengut scheinbar wieder salonfähig wird. Man traut sich wieder Dinge auszusprechen, die früher nicht political korrekt waren. Und jetzt sind sie es wieder. Doch was tun? Undifferenziert verbal draufschlagen, so wie viele es tun, auch wenn die, die diese Parolen benutzen und diese Gedanken denken, vielleicht gar nicht wissen, was sie da eigentlich tun? 

Es kann ja nicht richtig sein, genauso undifferenziert zu reagieren wie die „Gegenseite“ unreflektiert agiert. Mich erinnert das immer an eine Mediation, die ich einmal mit einem Jugendlichen hatte, der eine Anzeige bekam, weil er den Hitlergruß gezeigt hatte. Das Dumme war nur, dass er mit seinen 17 Jahren überhaupt nicht wusste, was er da tat. Geschichtliches Bewusstsein gleich null. Also auf ins Doku-Zentrum nach Nürnberg mit ihm. Das half, er war danach kreidebleich und sagte kein Wort mehr. Er hatte es begriffen. Hilft wesentlich besser als langes Reden.

Aber das war ein Einzelfall. Die Wirklichkeit ist eine andere, kaum einer von denen, mit denen man ins Gespräch kommen möchte, reden wirklich mit einem. Nur sehr, sehr wenige. Und was passierte bei uns? Resignation machte sich breit. Schulterzucken, runtergeschluckter Ärger bis hin zur Wut ob der Uneinsichtigkeit mancher.

Im Raum stand dieses frustrierende „Da kannst du nichts machen“. Ein Satz, den ich noch nie geliebt habe. Und jetzt auch nicht. Worin aber steckt das wirkliche Problem? Ich denke, es liegt ganz einfach an einer falschen Sicht von der Welt und damit auch von sich selbst. Gerade las ich diesen Satz in einem Buch über die Erfahrungen einer Frau, die in einem Gefängnis Buddhismus lehrt: „Für mich ist die buddhistische Philosophie angewandte Physik.“ Für mich übrigens auch.

Es ist ganz einfach so, dass viele Menschen, und nicht nur die angeblichen, sogenannten oder auch tatsächlichen Nazis, die Welt fragmentiert und eben nicht nur differenziert sehen und vor allem auch erleben. Es ist ganz einfach eine falsche Weltsicht. Ich habe ein AfD-Mitglied dazu gebracht, das Buch von Natalie Knapp „Der Quantensprung des Denkens“ zu lesen. Ich weiß nicht, wie weit er gekommen ist, aber seither lässt er nichts mehr von sich hören. 

Damit tun sich auch die anderen so verdammt schwer. Silvia Arroyo Camejo, eine Quantenphysikerin, hat in einem Podcast über Werner Heisenberg gesagt, dass sich auch die meisten heutigen Physiker nicht mehr wie Heisenberg, Pauli, Schrödinger, Einstein, Bohr, Bohm, Dürr oder wie sie alle heißen, für die damit zusammenhängenden und, wie ich finde, elementaren fundamentalen Fragen der Physik interessieren. Aber genau darum geht es!

Wir sehen die Welt falsch, jedenfalls die meisten von uns. Und genau darüber und über nichts anderes sollten wir erst einmal reden.