Das Leben, der Tod und ich

Es beginnt damit, dass wir Menschen uns unserer selbst bewusst geworden sind, auch wenn, jedenfalls bei mir, das manche in Abrede stellen. Selbst kann man das ja nicht beurteilen. Wie auch immer, jedenfalls wurde die Menschheit von der Dichotomie eingeholt. Er entstammt nicht nur der Natur, er ist auch Natur und doch auch wieder nicht mehr. Eine verzwickte, ja sogar sehr vertrackte Situation.

Ich war gestern in einem Konzert, Requiem von Mozart. Ein Satz aus dem Programmheft geisterte den restlichen Abend und wohl auch noch die Nacht durch meinen Kopf: „Der Tod ist der Endzweck des Lebens ….“ . Weiter bin ich mit Zuhören nicht gekommen. Denn das ist genau die Frage, die mich seit Jahren beschäftigt, wenn nicht gar umtreibt: Was mache ich hier eigentlich? Wozu lebe ich? Habe ich eine Aufgabe? 

Da ich ein recht pragmatischer Mensch bin, suche ich natürlich vorrangig nach Lösungen, die belastbar und auch verifizierbar sind und die man nicht einfach nur glauben kann oder muss. Was natürlich nicht bedeutet, dass ich glauben würde, alles könnte sich erklären lassen. Denn alles, was ich denken und ausdrücken kann ist ja Ausdruck meiner Denkfähigkeit und damit begrenzt. Und somit gibt es eine Grenze, über die wir nicht hinauskommen. Aber diese Grenze lässt sich immer wieder von Neuem verschieben. U.G. Krishnamurti hat das gut ausgedrückt: Das sogenannte „höchste Ziel“ ist wie der Horizont, je näher man ihm kommt, umso weiter weicht er zurück. Das Ziel lässt sich nicht wirklich erreichen, so wie auch der Horizont nicht. Aber das heißt nicht stehen zu bleiben wo man ist, sondern sich aufzumachen in fremde Länder des Denkens.

Aber zurück. Ich habe es ja ein wenig mit der Physik. Muss sich ja irgendwie auszahlen, dass ich meinen Eltern 6 Semester mit einem Physikstudium auf der Tasche gelegen bin. Ich bin wie alles andere auch nichts als Materie. Was aber ist Materie? Jedenfalls nichts, was unserem üblichen Verständnis von Materie entspricht. Wenn man ganz genau hinschaut, ist da irgendwie nichts Wahrnehmbares mehr. Aber irgendwas muss da doch sein, sonst könnte die Wand doch nicht so verdammt hart sein? Einig sind sich die Physiker immerhin, dass jedes Molekül des Körpers bereits Bewusstsein hat. Wie diese Mikro-Bewusstseine – da geht es schon los. Bewusstsein gibt es nicht im Plural. Also wenn jedes Molekül Bewusstsein hat, wie verbandeln die sich zu dem Bewusstsein, das „Ja?“ sagt, wenn jemand „Peter!“ ruft. Mysteriös, aber wahr. Und wenn ich jetzt noch weiter denke und mir klar ist, dass die Welt ein einziges Lebewesen ist, dann drängt sich mir doch die Frage auf, wo das Bewusstsein der Welt abgeblieben ist! Aber irgendwie muss es ja da sein.

Heißt es nicht schon in der Bibel „Werdet wie die Kinder“? Also schaue ich mir mal meinen Enkel Paul mit seinen 2 Jahren an, solange er noch so klein und nicht vollends in die Dichotomie abgetaucht ist. Ich hatte nämlich gerade einen ordentlichen Streit mit seiner Mutter und seither lässt er mich links liegen, als kenne er mich nicht mehr. Also wenn da nicht ein kollektives Bewusstsein am Werk ist, dann heiße ich Hannes! Er ist noch so mit seiner Mutter verbandelt, dass er offensichtlich oder scheinbar wie sie empfindet. Und auch klar, wer da gewinnt, sicher nicht der Opa! Aber warum habe ich das dann mit fast 68 nicht mehr mit meiner Tochter, ein gemeinsames Bewusstsein? Oder habe ich es, es ist für mich  und wohl auch für sie jedoch nicht mehr wahrnehmbar? Mir fällt da immer gleich die Geschichte ein, als ich so mit 12 Jahren abends eine Nierenkolik oder etwas in der Art bekam. Auf einer Skihütte, kein Telefon und Handys gab es auch noch nicht. Also ab ins Krankenhaus. Am nächsten Morgen war meine Mutter angereist. Angerufen oder informiert hatte sie aber keiner. Sie sagte nur zu meinem Vater „mit dem Peter ist was“ und fuhr los. Also wenn das mal kein Hinweis auf ein gemeinsames Bewusstsein ist!

Denke ich das noch eine Ebene weiter, dann bedeutet das ja, dass ich letztlich mit allen Menschen in einem Bewusstseinsraum lebe, wir also alle ein und dasselbe Bewusstsein haben. Also alles nur eine Frage der Wahrnehmung? Betrachte ich das mal physikalisch, dann gibt es zwei sich scheinbar ausschließende Phänomene. Einmal gibt es einen Raum, in dem sich Licht nicht schneller als mit der Lichtgeschwindigkeit bewegen kann, andererseits gibt es das Phänomen der verschränkten Teilchen, wo das eine Teilchen unmittelbar auf das andere reagiert, selbst wenn das Lichtjahre entfernt ist. Dürfte eigentlich gar nicht gehen. Für manche bedeutet das, dass es einen materiellen und einen geistigen (?) Raum gibt. Was bei mir ein heftiges Stirnrunzeln hervorruft. Mich erinnert das sehr an das Bohrsche Atommodell, von dem er wusste, dass es „eigentlich“ der Wirklichkeit gar nicht entspricht. Die Elementarteilchen begeben sich erst dann brav an einen wahrnehmbaren Ort, wenn ein (?) Bewusstsein sie sucht, also lokalisieren will. Aber wie sollte er Bewusstsein in sein Modell einbauen? Geht nicht.

Und jetzt springe ich mal an den Anfang des Textes. Wenn das „kollektive“ Bewusstsein etwas Definiertes sehen möchte, dann bin unter Umständen gerade ich das, also macht sich das kollektive Bewusstsein gerade Gedanken über das Leben, den Tod und die Aufgabe des Einzelnen, wenn ich darüber nachdenke? Puh! Aber warum überfällt sich dann das Bewusstsein selbst, wenn ein Mensch einen anderen überfällt? Oder Menschen Krieg miteinander führen? Was will das Bewusstsein dann klären? Aber irgendwie kenne ich das ja von mir selbst. Manchmal fällt es mir echt schwer, mich für das „Richtige“ zu entscheiden und nicht noch eine Portion zu vertilgen.

Das ist zwar harmlos und allenfalls ärgerlich, aber wissen wir nicht aus der Forschung von Hannah Arendt, dass auch das so grausame und schreckliche Böse fürchterlich banal ist? Es ist eben nur ein schmaler Grad zwischen „gut“ und „böse“; ein verdammt schmaler. Das ist die schlechte Botschaft, die gute aber ist, dass das Bewusstsein sehr wohl selbstreflexiv sein kann. Der Kosmos und die Welt haben wie wir einen freien Willen, auch wenn der nicht so frei ist, wie wir uns das vorstellen.

Und der kann sich eben auch entscheiden und zu sich selbst sagen, dass wir das bitte lassen. Langer Rede kurzer Sinn: Auch wenn es ein Bewusstsein ist, wirkt dies doch entsprechend der differenzierten Wahrnehmung. Und je differenzierter wir uns wahrnehmen, desto differenzierter wirkt es eben. Ganz herb wird es aber, wenn wir uns fragmentiert wahrnehmen.

Warum wir das tun? Keine Ahnung, aber wir tun es. Hat wohl was mit der menschlichen Evolution zu tun. Aber zu wissen, dass wir es tun, genügt ja, um damit aufzuhören. Was aber hat das mit dem Leben, dem Tod und mir zu tun? Sehr viel! Es kommt also nicht darauf an, „meine“ Berufung zu erkennen, sondern das, was ich tue verantwortlich zu tun. Und damit basta. Ich muss mir darüber im Klaren sein, dass, bin ich oberflächlich, Oberflächlichkeit zu verantworten habe. Alles, was in der Welt geschieht, hat unmittelbar mit uns selbst zu tun. Wir müssen nicht, sondern wir haben zu verantworten, was wir tun. 

Da gibt es kein „egal“ oder was auch immer. Die Welt ist, wie wir sind.