Auschwitz – eine Reise in die Vergangenheit und ein Blick in die Zukunft

Dieses Jahr haben meine Frau und ich es endlich geschafft, uns dem Thema zu stellen, nicht dem NS-Thema überhaupt, sondern eben Auschwitz. Für mich ein besonders herausforderndes Thema, waren doch meine Eltern in dem NS-System aktiv unterwegs. Es ging also auch für mich selbst um eine Art von Vergangenheitsbewältigung.

Doch wenn man Auschwitz gesehen hat, weiß man, dass man das nicht „bewältigen“ kann. Zu extrem sind die Ausmaße, zu unvorstellbar was da geschehen war. Es ist nur noch die Frage, wie das möglich war, was Menschen dazu bringt, anderen Menschen das anzutun, zu glauben, ihnen das Menschliche absprechen zu können. Und gleichzeitig ist damit auch die Frage verbunden, was es braucht, damit sich die Menschen daraus lösen, daraus befreien können.

Dank Hannah Arendt wissen wir ja um die Banalität des Bösen. Und niemand sollte glauben, dass ihm das nie passieren kann. Zu subtil sind solche Dynamiken. Und auch die Geschichte lehrt uns, wie grausam der Mensch immer wieder sein kann. Es ist eben, wie Georg Santayana gesagt hat: Those, who do not remember the past, are condammed to repeat it. Helmut Kohl hatte es einmal so formuliert: Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten. Doch das genügt nicht.

Man muss es verstehen, um es nicht zu wiederholen. Und das wirft mich auf mich selbst zurück, und vielleicht auch andere auf die entscheidende Frage, was ich tun muss, muss, nicht kann, damit ich das nicht wiederhole. Als Sohn meiner Eltern habe ich ja die besten Voraussetzungen dafür. Ich habe schon vor einiger Zeit verstanden, dass es um die Verbindung von Macht und Ideologie geht. Es ist die richtige Ideologie, die es also zu finden gilt.

Seit Auschwitz beginne ich zu verstehen, dass es zwar auch um die Ideologie geht, die ich lebe, aber viel grundsätzlicher die eigene Haltung ist; grundsätzlicher, vielleicht weil sie auch schwerer in Worte zu fassen zu sein scheint. Dabei ist es einfach zu formulieren, wohl aber nicht so einfach zu realisieren, den das konfrontiert einen unmittelbar mit dem alltäglichen Leben.

Es geht um Haß, Neid, Begierde, Eifersucht, Wut und Gier. Diesen Gefühlen muss ich mich ehrlich stellen, darf sie nicht verdrängen, muss sie zulassen als meine, denn nur so können sie sich auflösen. Was ich nicht wahrhaben will, von dem kann ich mich auch nicht lösen. Es sind oft die Kleinigkeiten, in denen das steckt. Die abfällige Bemerkung über einen Anderen, der Ärger über sein Verhalten, fehlendes Verständnis. Nur wenn ich das als Einfallstor erkennen kann, kann ich dieses Tor für mich auch schließen.

Immer wieder muss ich mich fragen, wie ich Distanz zwischen mich und andere Menschen bringe. Auch das ist mir in Auschwitz bewusst geworden. Entscheidend ist von dem anderen berührt zu werden, bereit sein, sich von einem anderen Menschen berühren zu lassen, wirklich berühren zu lassen. Nur dann kann ich den anderen überhaupt wahrnehmen. Und nur wenn ich den anderen wirklich wahrnehme, kann ich ihm auch wirklich begegnen. Und damit enden auch Haß, Neid, Begierde, Eifersucht, Wut und Gier. Und Auschwitz. Nur so kann ich den Opfern die Ehre erweisen.

Das kann ich nur selbst leben, das kann man nicht verordnen. Das braucht Einsicht in die eigene Verantwortung.