Anders denken – aber wie?

Ich spreche ja oft davon, dass wir lernen müssten, anders zu denken. Denn das eigene Denken ist die Welt, in der wir leben. Und will ich die ändern, muss ich eben anders denken. Das, also dass die Welt, ist, was man denkt, das muss man als erstes einmal selbst erleben und erfahren, dass man über das eigene Denken nur äußerst schwer hinauskommt. Das Denken, mit dem man sich in ein Problem hineinmanövriert hat, taugt leider nicht, um dem auch wieder zu entkommen. Denn das bisherige Denken ist ja das Problem. Da muss man schon anders denken lernen.

Betrachte ich kleine Kinder, dann habe ich schon den ersten Baustein für „anders zu denken lernen“. Die sind sich ihres eigenen Denkens nicht gewiss, aber auch nicht ungewiss. Sie sind in Bezug auf Gewissheit ambivalent, denn sie haben Gewissheit noch nicht definiert, sie sind einfach von Natur aus weder offen noch verschlossen. Übrigens sind sie auch nicht offen für Neues, denn sie differenzieren nicht zwischen Neuem und Altem. Das existiert in ihrer Vorstellung einfach nicht. Das hört bedauerlicherweise schon recht bald auf, spätestens, wenn sie in die Schule kommen, sind da schon ordentliche Pflöcke drin. Das hat damit zu tun, dass sie gelernt haben, ihren Alltag zu strukturieren. Aber Sie merken, es ist verflixt schwer, als erwachsener wie ein Kind zu denken. Irgendwie scheint es unmöglich zu sein. Erst einmal.

Kinder haben irgendwann ihre bisherige Zeit- und Raumoffenheit verlassen und eingetauscht gegen klare Strukturen. Und klare Strukturen setzten nun einmal ein klares Bild von der Welt voraus. Es beginnt damit, dass Eltern Göttern gleich sind und immer Recht haben. Wie sollten sie sonst auch strukturieren können? Dazu gehört leider auch dazu zu wissen, wer Feind und wer Freund ist.  Das ist keineswegs eine schlichte Bestandsaufnahme der menschlichen Psyche (habe ich auch mal gedacht), sondern es ist nur ein Symptom und nicht die Ursache! Dem liegt nämlich ein falsches Weltbild zugrunde. Will ich anders denken und nicht nur mehr Wissen haben, brauche ich also ein anderes Weltbild.

Ich habe gerade diesen Spruch von Hanshan gelesen: „Wenn das falsche Denken plötzlich für einen Moment aufhört, du durch deinen eigenen Geist hindurchsiehst und die weite deines ursprünglichen Zustands, in dem nichts ist, erkennst, dann 

spricht man von Erwachen.“ Interessant! Nur wie kommt man da hin? Oder, anders gefragt, warum gelingt das so wenigen? Gute Frage, nicht? Aber wie heißt es doch im Zen? Wenn man mit dem eigenen Geist dem eigenen Geist zu Leibe rücken will, was soll da anderes entstehen können als ein heilloses Durcheinander? Des Rätsels Lösung ist einfach: Es geht ja nicht darum, mit dem Geist am Geist zu arbeiten. sondern dem Denken andere Denkstrukturen zugrunde zu legen.

Ich verrate Ihnen gerne, wie ich ganz viele Zen-Gedanken mit einem Mal begriffen habe: Ganz einfach, durch das Motorradfahren. Motorradfahren verlangt nämlich anders zu denken, sich anders zu organisieren. Exakt dazu habe ich mich regelrecht gezwungen, als ich anfing Motorrad zu fahren. Aber das passiert nicht zwangsläufig, man muss die Zen-Gedanken im Hinterkopf haben und sich beim Fahren darin versenken. Und was machen Zen-Mönche?

Die setzen sich in einen Zen-Garten, also eine Abbildung des Kosmos, und versenken sich darin. Die andere Struktur ist der Schlüssel. Nur den auch in das Schloss zu bekommen ist gar nicht so einfach. Es ist die Bereitschaft, sich wirklich darin zu versenken, sich hineinfallen zu lassen. Mit anderen Worten: Bereit zu sein, die eigenen Strukturen als unzulänglich zu erkennen. Doch das setzt wiederum die Bereitschaft voraus, sich wirklich auf Neues einzulassen. 

Heißt: Die alten Strukturen aufzugeben. Das ist der ganze Witz. Was manchmal sehr schwierig ist, denn das bedeutet in absolut allen Lebensbereichen die Strukturen zu ändern. Wir haben nur eine Struktur. Doch wie? Genau, das muss man vorher wissen. Kinder übernehmen die Strukturen ihrer Eltern. Doch wenn man die als Erwachsener ändern will, muss man wissen, wohin die Reise gehen soll. Das heißt, ich brauche eine Vorstellung, wie ich denken will und muss die dem entsprechenden Prinzipien im Kopf haben. Als nächstes muss ich mein Leben entsprechend gestalten. Und dann denke ich auch entsprechend.

Wie kamen Zen-Menschen wie Quantenphysiker zu ihrem Denken? Ganz einfach, indem sie die Natur nicht nur betrachteten und sich an ihr zu erfreuen suchten, sondern indem sie sie zu ergründen suchten. Das ist der Unterschied zwischen oberflächlicher Betrachtung und Erkennen der Tiefenstruktur. Doch das heißt manchmal auch, das man aus seinem bisherigen Leben aussteigen muss, nämlich dann, wenn man merkt, dass man ein falsches Leben führt.

Und das ist die Kröte.