Alles könnte anders sein

Der manchmal so schwierige Weg von der Theorie zur Praxis. 

Ich weiß „eigentlich“ sehr genau, was mir „eigentlich“ gut täte. Etwa endlich die sechs Kilo abzunehmen, die ich zu viel auf den Rippen habe. Meine nicht mehr so ganz jungen Knie würden sich über diese Entlastung sicher freuen. Oder „endlich“ mehr Sport zu machen. Würde angesichts meines Alters wirklich Zeit werden, statt nur aus dem Fenster zu schauen, ob das Wetter schön ist, damit ich mit dem Moped losziehen kann. Und meiner Frau würden auch noch eine Menge Dinge einfallen, die ich „eigentlich“ tun könnte.

Da fällt mir immer die Geschichte eines Bekannten ein. Der war ziemlich groß und bayrisch kompakt. Also ziemlich übergewichtig. Das war das Sichtbare. Bis ihm sein Arzt eines Tages sagte, dass, würde er so weitermachen, er nicht mehr lange zu leben hätte. Dass er mir das erzählte, ist mittlerweile so an die zehn Jahre her. Warum er mir das erzählte? Weil ich ihn einmal etwas neidisch mit den Worten begrüßt hatte „Wow, du hast aber abgenommen!“ Ich war damals auch noch recht bayrisch kompakt.

Warum nahm mein Bekannter ab? Oder warum gibt es die DDR nur noch als Geschichte? Weil die Menschen, zumindest einige, die Notwendigkeit erkannten, etwas in ihrem Leben zu ändern. Sie hatten einfach keine Lust mehr, so weiter zu machen wie immer. So wie mein Bekannter, dafür hing er zu sehr an seinem Leben. Oder seine Frau hat ihm den Marsch geblasen. Wer weiß? Aber auch hier war das Zünglein an der Waage die Notwendigkeit.

Notwendigkeit braucht als erstes einmal die Einsicht in die Situation, wie sie wirklich ist. Ohne jede Art von Beschönigung. Wenn ich auf der Waage stehe und denke „Ach, ist ja gar nicht so schlimm“ dann werde ich nicht abnehmen, auch wenn ich mir „eigentlich“ bewusst bin, dass ich abnehmen sollte. Und da ist er wieder, der verdammte Konjunktiv. Müsste, sollte, könnte, wollte, … . Das ist der ultimative Schutzwall, hinter dem ich die Notwendigkeit versteckt habe.

Nur, was ist dieser Schutzwall? Ich weiß, dass ich als Kind zur Belohnung immer was zu essen bekam. Meinen Eltern waren immer ganz happy, wenn ich die sechste Scheibe Brot reinschob. Eine Folge ihrer Kriegserinnerungen, wo es nichts zu essen gab und es schwer war, Kinder durchzubekommen? (Ich bin 1951, mein Bruder ist 1943 geboren. Wohlstandskind versus Kriegskind) Sind das die Steine, aus denen ich meinen Schutzwall errichtet habe? Irrte da vielleicht Goethe? Hat er da was verdreht? Ist das tatsächlich die Kraft, die tatsächlich stets das Gute will und doch das Böse schafft? Wie sagt doch der Dalai Lama: „Alles, was entsteht, tut dies im Kontext zahlloser Ursachen und Bedingungen.“ Ist der Schutzwall vielleicht nichts anderes als alte Informationen, die von mir aber einfach ungeprüft übernommen wurden? 

Als Kind hatte ich es leider noch nicht so sehr mit dem Reflektieren. Wird Zeit, dass ich das anfange. Doch das Problem liegt wohl darin überhaupt die Informationen zu erkennen, die dem Schutzwall zugrunde liegen. Also werde ich mal in meinem Inneren buddeln müssen. Kann sein, dass da ein paar unangenehme Informationen hochkommen. Obwohl, eigentlich ist das sogar wahrscheinlich. Denn sonst wäre es leicht, den Schutzwall abzutragen. Ein Wall, der tatsächlich ja nicht wirklich die Notwendigkeit schützt, sondern eine (innere) Verletzung. Da sag ich nur „Schei.. Konvention!“ Die ist es nämlich, die verhindert, den Dingen in die Augen schauen zu können. Für andere ist es ja relativ leicht zu sehen, was mit mir los ist. Nur für mich nicht. Ich selbst bin ja betriebsblind.

Tja, vielleicht könnte wirklich alles anders sein, wenn wir nur ehrlich zueinander wären. Schon wieder ein Konjunktiv. Mist.