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Anfang

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich endlich begriffen hatte, wo ich anfangen muss, will ich wirklich leben – und nicht nur so zu tun. Das heißt die Konvention zu verlassen. Solange ich in den Spielregeln der Konvention folge, führe ich ein Leben des Scheins. Denn in und mit Konvention gibt es keine wirkliche Gemeinschaft. Scott Peck hat dies meines Erachtens nach sehr gut beschrieben:

„Die Gruppe tut so, als sei sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es nur oberflächliche, individuelle Differenzen und keinen Grund für Konflikte. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln.

Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.“

Dazu passt der Gedanke von Sebastian Junger, der gesagt hat, dass nur eins den Kampf psychologisch erträglich mache – die Bruderschaft unter den Soldaten. In dem alltäglichen, von Wettstreit und Konkurrenzkampf geprägten Leben vieler ist diese „Bruderschaft“ die Konvention. Sie hilft darüber hinwegzusehen, wie das Zusammenleben von uns Menschen vielfach ist. Wir beklagen Gewalt und Auseinandersetzungen, doch nur wenige sind bereit, die eigentliche Ursache anzugehen.

Wir brauchen den ernsthaften Dialog – statt uns weiter in der Konvention zu bewegen. Das bedeutet jedoch nicht, dass man dem anderen seine Sichtweisen um die Ohren haut und einfach sagt, was man denkt. Es bedeutet vielmehr, Begegnungen mit den Menschen, mit denen man keinen Dialog führen kann, auf einer fundierten Ethik und entsprechendem Verhalten aufzubauen.

Eine eigene Ethik zu leben, setzt vor allem Konzentration und eine klare Ausrichtung voraus, ganz anders als das übliche Verständnis von Moral. Das scheinbar Schwierige an einer gelebten Ethik ist, dass man sich nicht von Fall zu Fall entscheiden kann, wie man sich verhält.

Es ist einer der gängigen Irrtümer zu glauben, man könne sich bewusst entscheiden. Ein grundlegender Irrtum. Wenn man Ethik nicht trainiert und verinnerlicht hat, kann man auch nicht so sein, wie man ‚eigentlich‘ sein möchte.