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Womit anfangen?

Wenn ich ein attraktives Ziel vor Augen habe, sprudeln die Ideen nur so aus mir heraus. Eine große Gefahr. Denn bekanntlich definiert die Form die Inhalte und nicht umgekehrt. Eine Tatsache, die ich leider allzu oft immer wieder übersehe. Bevor ich also beginne, eine Idee oder eine Vision umzusetzen, muss ich die Form klar definiert haben. Ansonsten laufe ich nicht nur Gefahr, dass ich scheitere, es wird aller Voraussicht nach auch nicht das dabei herauskommen, was ich „eigentlich“ wollte.

Das ist so, wenn ich etwas gestalten will, vor allem aber ist es so, wenn ich ein Gespräch gestalten will. In einem Gespräch bemerkt man die Form oft gar nicht richtig, die verbirgt sich manchmal regelrecht hinter Höflichkeit und gegenseitigem Respekt. So sind ein Gewaltfreier Dialog nach Marshall Rosenberg und ein Dialog nach David Bohm nach meinen Erfahrungen etwas durchaus Verschiedenes, auch wenn sie sich ähneln und sich die beiden sicher gut verstanden hätten. Sie haben unterschiedliche Intentionen und damit eine andere Form. In meinem Verständnis will GfK etwas klären, der Dialog hingegen will etwas ergründen. Wenn ich also wissen will, was ich tun kann oder vielleicht auch soll, ist für mich der Dialog ganz klar angesagt.

Doch es gibt noch ein anderes, meines Erachtens nach extrem wichtiges Thema: Gemeinschaft. Ich lese gerade das Buch „Der wunderbare Weg“ von Scott Peck, nachdem mich seine Differenzierung zwischen Gesellschaft und Pseudo-Gesellschaft schon seit geraumer Zeit beschäftigt. Das größte Problem, das es bei den aktuellen ökologischen wie ökonomischen Fragen zu überwinden gilt, ist meines Erachtens nach die Konvention. Wenn ich dann noch die Gedanken von Peter Berger und Thomas Luckmann aus ihren Buch „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ hinzunehme, dann frage ich mich, ob nicht genau hier ein Form-Fehler liegen kann, nämlich dann, wenn wir von „Der Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ ausgehen. Das wäre wohl falsch, jedenfalls legen das mittlerweile auch die Erkenntnisse der Quantenphysiker nahe.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, meine Frau und ich hätten beschlossen, unser jeweiliges und auch das gemeinsame Leben von Konventionen, Konditionierungen und irrigen Annahmen zu lösen. Wir sind eine Zwei-Personen-Gesellschaft. Folge ich den Gedanken von Berger und Luckmann, leben wir in einer subjektiven und nicht etwa in einer objektiven Wirklichkeit. Das bedeutet, dass unsere eigene Identität relativiert wird und einer Praxis wechselnder Rollen weicht.

Unsere eheliche Ordnung und unser kultureller Wissensbestand existiert also nicht a priori, sondern ex post durch unsere eigene Konstruktion. Ich bin also nicht so, weil ich so bin, sondern weil ich mich so definiere. Heißt, ich könnte auch ganz anders sein. Und meine Frau auch. Also letztlich wir. Damit wird die Dialektik zwischen unserer Ehe und meiner Frau und mir deutlich: Unsere Ehe ist unser gemeinsames Produkt und meine Frau und ich sind ein Produkt unserer Ehe. Daher sollten wir uns schleunigst Gedanken über unsere gemeinsame kulturelle Selbstverständlichkeit  machen, genauso wie über unsere jeweiligen persönlichen kulturellen Selbstverständlichkeiten.

Die Konventionen, derer wir uns bedienen, ist also eine gemeinsame Konstruktionsleistung. Unsere jeweiligen persönlichen Konditionierungen sind eine persönliche Konstruktionsleistung. Jeder von uns hat „seine“ kulturelle Selbstverständlichkeit „nur“ konstruiert. Und das gilt im Positiven wie im Negativen. Das bedeutet, ich kann mich auch ganz anders definieren, sozusagen eine andere Rolle einnehmen. Denn eine Rolle nehme ich sowieso ein. Doch wenn mir nicht bewusst ist, dass meine Identität nicht wirklich ist, sondern ich eine Rolle eingenommen habe und die jederzeit neu definierbar ist, solange mir das nicht bewusst ist, hänge ich in meiner alten Rolle fest, eine Rolle, die ich mir wahrscheinlich schon als Kind angeeignet und im Laufe meines Lebens weiter moduliert habe. Doch in den seltensten Fällen habe ich sie neu definiert und noch seltener habe ich das bewusst getan.

Also fange ich mit der bewussten kulturellen Form an.

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