Wo bin ich zuhause?

Also gedanklich? Das ist die alles entscheidende Frage. Es ist ja klar, dass man sowohl über den Inhalt wie über die Form einer Sache reden kann, doch einen Inhalt kann man nur der jeweiligen Form gemäß verändern. Will man jedoch etwas gänzlich anderes, etwa ganz anders denken, dann muss man nicht den Inhalt, sondern die Form ändern, der neue Inhalt folgt dann automatisch, denn er ergibt sich von alleine entsprechend der Form. Solche „Denkformen“ sind zum Beispiel konventionelles Denken wie mechanisches Denken oder mystisches wie quantenmechanisches Denken.

Wer sozusagen aus der Konvention in die Mystik wechseln möchte, der darf nicht versuchen, die Inhalte zu ändern, sondern der muss die Form ändern, also die Struktur wie die Organisation. Solange man nicht prozesshaft denkt, was etwas anderes ist, als (nur) in Prozessen zu denken, solange bleibt man i der Konvention. Erklärt man beispielsweise den nächsten Prozessschritt und es kommt dann die Frage, was man dann macht, dann ist das eine dem mechanischen Denken entspringende Frage. Aus quantenmechanische Denken kann eine solche Frage nicht kommen, denn dann weiß man, dass man das eben nicht wissen kann. Erst muss der Prozess einmal laufen, dann sieht man die Ergebnisse, die aber lassen sich nie vorhersagen, allenfalls mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vermuten.

David Bohm hat das übrigens für die gesamte Naturwissenschaften mit diesen Worten beschrieben: Sie können nur beschreiben, aber nichts definieren. Beschreibendes Denken = neues Denken, definierendes Denken = altes Denken. So einfach lässt sich das darstellen. Alles, was auf einer (vermeintlichen) Definition beruht, kann nur relativ wahr oder wirklich sein, nie abschließend, immer nur „vorläufig“. Auf viel mehr muss man zu Beginn eigentlich gar nicht achten. Weiß ich also den Inhalt meines Denkens, kenne ich auch die Form, also das mir eigene Welt- und Selbstbild.

Und was bedeutet das jetzt für mich philosophisch betrachtet? Das Kernstück Jiddu Krishnamurtis Philosophie ist dieser Gedanke: „Die Wahrheit ist ein pfadloses Land”. Damit sagt er, dass der Mensch die Wahrheit nicht durch Organisationen, Überzeugungen, Dogmen, Priester, Rituale oder Philosophie erlangen kann, Wahrheit kann nur dadurch gefunden werden, dass wir verstehen und beobachten, was in unserem Geist geschieht. Man kann diesem Gedanken darüberhinaus auch noch eine weitere Bedeutung geben, nämlich dass jeder durch sein Denken „die“ Wahrheit für sich definiert, die für ihn „gilt“. Was natürlich in die vollkommene Beliebigkeit und Unverbindlichkeit führt, sofern man sich nicht stets an der absoluten Wirklichkeit zu orientieren sucht, jedenfalls soweit uns das möglich ist.

Mit anderen Worten: Ich bewege mich immer meiner gedanklichen Form entsprechend; genauer gesagt, ich verlasse diese Form nie. Was ich denke ist sekundär, das wie ich denke ist entscheidend. Will ich etwas grundsätzlich daran ändern, dann muss ich das Wie ändern und nicht das Was zu ändern versuchen. Wenn ich mich mit meinen Gedanken im Kreis drehe, dann weiß ich, dass ich offensichtlich mit der unzutreffenden Form denke. Hilft mir ein psychologisches Modell nicht mehr weiter, ist es an der Zeit, tiefer zu gehen und mich in den Keller der Mystik vorzuwagen.

Wir Menschen haben uns mit Symbolen, Ideen und Glaubenssätzen umgeben. Diese beherrschen unsere Gedanken und das wiederum beherrscht dann auch unser Leben und unsere Beziehungen, doch das sind eben Modelle der Wirklichkeit, aber nicht die Wirklichkeit, wie sie sein könnte, wenn sie nicht reglementiert wäre – durch uns selbst. Doch keine kulturelle Ethik sollte uns definieren, sondern alleine ein wirklich freier Geist. Daher müssen wir ihn erst einmal befreien, also aus Anhaftungen lösen.

Dann weiß ich auch, wo ich zuhause bin.