Zum Inhalt springen →

Winzig klein oder gigantisch groß?

Bedeutungslos oder mächtig? Das ist die Frage, mit der wir konfrontiert sind. Als Einzelner ist der Mensch verschwindend klein und fühlt sich auch genau so, als Menschheit ist er für die Welt gigantisch groß und mächtig. Das ist das eigentliche Dilemma, vor das sich der Mensch aktuell gestellt sieht.

Dieses Dilemma, dass er sich hin und her gerissen fühlt zwischen Macht und Ohnmacht, oft ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein, ist genau der Grund für das Verhalten vieler, sieht sich doch jeder in der aktuellen durch das Corona-Virus bedingten Situation mit seiner Kleinheit und Verletzlichkeit konfrontiert, sowie der Tatsache, dass er einem Virus ausgeliefert sein soll. Eine Tatsache, die er aber nicht wahrhaben will und die leicht verdrängt wird.

Das ist das tatsächliche Dilemma, mit dem sich der Mensch auseinandersetzen müsste. Könnte die Menschheit und damit auch der Einzelne eine klare Antwort auf die mit dem Anthropozän einhergehenden Herausforderungen geben, wäre er sich also bewusst, dass er den Planeten managen muss anstatt ihn nur zu verbrauchen, will er denn weiterleben, dann würde es diese extrem kontroversen Diskussionen um Corona wahrscheinlich überhaupt nicht geben.

Dass wir Hunde, Katzen, Pferde oder auch wuschelige Bullen lieben hat viel mit unserer Sehnsucht nach Geborgenheit zu tun, eine Geborgenheit die es für uns angesichts der Tatsache nicht mehr gibt, dass wir Menschen buchstäblich die Welt beherrschen, mit allen Vor- und Nachteilen, die das für uns bringt. Es ist uns gelungen, uns aus der Nahrungskette zu entlassen. Wir werden nicht mehr gefressen. Außer vielleicht von so einem verdammten Virus. Aber den bekommen wir auch noch in den Griff.

Nicht nur, dass wir nicht mehr gefressen werden, wir können dank unserer Technik auch fast überall leben. Was uns eine phänomenale Palette an innerem Erleben bietet, inclusive Drogen, die das noch einmal steigern können. Es ist unsere Nichtangepasstheit an die natürliche Umwelt, die uns die Diskussion darüber beschert hat, was Freiheit überhaupt ist. Aus genau diesem Grund, unserer Überlegenheit folgt, dass wir nicht mehr den Gesetzen der Natur folgen müssen. Daher brauchen wir eigene Gesetze, Religionen und Menschrechte, um uns selbst im Zaum zu halten. Wir räumen juristischen Personen, Staaten, Nationen und Dingen wie Geld, ja sogar der Liebe eine Bedeutung ein, die keine Entsprechung in der Natur hat.

Die Folge ist, dass wir zunehmend in einer fiktiven Welt leben. Wir leben vielfach nicht mehr einfach, sondern wir machen uns Gedanken über ‚richtiges‘ Leben, das manchmal zu vollkommen absurden Diskussionen führt. Da können sich Menschen fürchterlich aufregen, doch sie merken überhaupt nicht mehr, dass sie ihre Fiktionen für Realität halten. Da wird über Wirklichkeit diskutiert, die aber gar keine ist, nicht mehr als ein gedankliches Konstrukt.

Und wenn dann über existenzieller Probleme gesprochen wird, etwa der durch den Menschen geleistete Beitrag zur Klimaveränderung, dann erinnern diese Gespräche oder Diskussionen an die Diskussion aus meiner Studienzeit über Unendlichkeit. Wie die Weltmeister haben wir darüber diskutiert und gestritten, aber eine Ahnung hatten wir davon nicht. Da halte ich mittlerweile manchen Sciencefiction-Film für realistischer als unsere Diskussionen über das, was wir für Wirklichkeit halten.

Wir haben es ziemlich geschafft, uns zu den Herrschern über die Welt zu machen und stolpern jetzt über unsere eigenen Füße, weil wir vergessen haben, was Herrscher brauchen, wollen sie nicht zu Diktatoren werden: Eine fundierte und lebensgerechte Ethik. Vielleicht sollten sich Politiker und Wirtschaftsbosse doch eher mit Philosophen austauschen, statt sich um ihren Status zu kümmern. Die Machtversessenheit des Einzelnen ist doch nur ein Spiegel der Macht, die die Gemeinschaft hat.

Genau deshalb geht es nicht nur um die Ethik der Großen, sondern genauso um die Ethik des kleinen Mannes. Es geht um unser aller Ethik. Und darüber sollte wirklich langsam Konsens herrschen, welchen ethischen Ansprüchen an uns selbst wir genügen wollen. Oder müssen. Mittlerweile ist das  eine existenzielle Frage, denn ohne eine solche Ethik werden wir uns über kurz oder lang selbst umbringen.

Schon vor mittlerweile 100 Jahren hat der Physiker Heisenberg gesagt, dass der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen ist. Es wird Zeit, dass wir das kapieren.

Veröffentlicht in Blog