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Wie soll ich es sagen?

Nach den Regeln der Konvention oder ohne diese? Wenn ich es richtig bedenke, ist das keine Frage. Denn logisch ist nur eine der Varianten, die ich Ihnen vorstellen möchte, nur eine bedient nicht die Konvention.

Ein Zen-Meister unserer Zeit würde es wohl so ausdrücken, wenn er mich auf etwas hinweisen will: „Mache dich jetzt in diesem Augenblick frei von allen Anhaftungen, an was auch immer. Lass dich von nichts fesseln.“ So hätte sich einer der alten Ch’an-Meister gerade nicht ausgedrückt, denn das entspricht nicht der typischen „Ch’an-Didaktik“ Die verzichtet weitgehend auf Erklärungen und Ratschläge und zieht stattdessen die unmittelbare Konfrontationen vor: „Da! – Was für ein schöner Pfosten!“ Den „alten“ und den „neuen“ Zen-Sprech habe ich bei Wilhelm Klingholz gelesen. Genau so ist es!

Was aber macht den Unterschied? Die „moderne“ Aussage lädt zum Nachdenken ein, wenn auch unbewusst. Das nimmt mich als Mensch ernst in meinem Bedürfnis, dem anderen auf Augenhöhe zu begegnen. „Sich auf Augenhöhe zu begegnen“ befriedigt nur das Ego von beiden. Die traditionelle Unterweisung überspringt das und kommt direkt zu Sache. Die olten Ch’an-Meister stellen sich nicht über den anderen, aber sie bedienen auch nicht dessen Ego.

Keine netten Worte. Keine Herzchen in den SMS. Kein „Ich hab dich so lieb!“ Keine Rücksicht auf meine Befindlichkeiten. Was nicht bedeutet, dass Ch’an-Meister nicht auch nett und liebevoll sein können. Man muss nur wissen, was gewollt ist: Direkt, klar und unverblümt oder unklar und verklausuliert und durch die Blume? Entscheiden ist, was der Andere will. Will er wissen, was es für ihn zu erkennen gibt und ist er bereit, sich darauf einzulassen, oder möchte er in sanft ansteigenden Kreisen um den Gipfel kreisen – statt den direkten Weg auf den Gipfel zu nehmen? Den gibt es im Ch’an, nicht aber beim Wandern. Metaphern haben eben ihre ganz eigenen Grenzen. Sorry.

Je länger ich aber darüber nachdenke, desto klarer ist mir, wie ich sein will und was ich von anderen erwarte, wenn sie eine Beziehung zu mir wollen. Nur dann kann ich einem anderen überhaupt begegnen, ohne ihn anzulügen. Wenn ich meiner Frau sage, dass ich die Bluse toll finde, die ihr meiner Ansicht nach überhaupt nicht steht, kann ich sie dann ernsthaft lieben? Ob ich sie liebe oder nicht, zeigt sich das in dem, was ich sage oder in dem, was ich tue? Genau!

Nicht nur Ch’an-Meister oder solche, die es sein wollen, müssen sich darüber im Klaren sein, was es bedeutet, sich in der Konvention zu bewegen. Es bedeutet nämlich ein falsches Spiel zu spielen. Das Ego freut’s, aber sonst niemanden. Also höre ich einfach damit auf, weiter dem begrifflichen Bewusstsein zu frönen.

Klare Kante und gut ist’s.

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