Wie kommt die Welt in meinen Kopf?

Fakten, Werte und Narrative und eventuell noch etwas? Das ist etwas anderes, als in dem letzten Text über Werte, Fakten und Narrativ. Etwas völlig anderes. Die Narrative stehen am Schluss, sie sind bedingt durch das davor. Doch ob die Werte die Fakten oder die Fakten die Werte bestimmen, ist etwas völlig anderes, was sich dann in meiner Geschichte zeigt.

Zwei Welten, die nur schwer miteinander kommunizieren und sich auch nur schwer verstehen können, was vollkommen logisch ist. Denn es kommt ja noch etwas hinzu, nämlich dass die Welt allein in meinem Kopf entsteht. Wenn ich einen Baum betrachte, sehe ich nichts, solange ich nicht weiß, dass das ein Baum ist, den ich da anschaue. Mit anderen Worten: Wir erkennen nur, was wir kennen! Und sagte nicht auch Immanuel Kant, dass wir nur glauben, dass die Welt so ist, wie wir sie sehen. Nein, sagt er, wir kennen die Wirklichkeit nicht, nur unsere subjektive Interpretation davon.

Und falls Ihnen das noch nicht genügt: Hirnforscher stellten fest, dass wir nicht die Welt wahrnehmen, sondern ein Fantasiebild, das sich mit ihr deckt – meistens. Man merkt das ganz leicht an dem bekannten schwarzen oder blinden Fleck. Dort können wir nichts sehen. Macht aber nichts, denkt sich das Gehirn, und füllt das einfach einmal auf. Was wir nur nicht wieder vergessen dürfen, denn das Gehirn spielt eine Rolle in der Wahrnehmung. Was wir mit dem Auge sehen, nehmen wir noch nicht wahr. Ist ganz einfach logisch erklärbar. Ich brauche mir nur darüber Gedanken zu machen, wie die Welt, die ich sehe, durch den Sehnerv passt.

Da ist es kein Wunder, dass mir ein Joint die Welt ganz anders erscheinen lässt, nicht, wie sie ist, sondern wie ich sie bisher dachte. Der Joint flexibilisiert nicht mein Sehen, sondern mein Denken. Kürzlich habe ich den Artikel „Was Neurowissenschaften, Zen-Meditation und Psychedelika miteinander verbindet“ gelesen. Psychedelische Substanzen führen vor allem bei hohen Dosen zu mystischen und spirituellen Erfahrungen. Sie sind durch Gefühle von Einssein mit der Welt, Verschwimmen von Objekt-Subjekt-Grenzen, Verlust eines Ich- und Zeitgefühls, Ehrfurcht und Glückseligkeit geprägt.

Und genau da kann ich auch durch Zen-Meditation hinkommen. Nur es geht nicht um Psychedelika oder Zen-Meditation, sondern um etwas völlig anderes, dass man auf beiden Wegen erreichen kann: Den Verlust (?) des Selbst. Dann ist der Weg frei für das Gefühl des Einsseins mit der Welt. „Äußerlich“ erkennbar an einem Verlust des Ich- und Zeitgefühls, „innerlich“ an Ehrfurcht und Glückseligkeit. Was es aber nur als Ganzes gibt, nicht einzelne Aspekte. Und die Neurowissenschaften? Was haben die damit zu tun?

Zen oder das ursprüngliche Ch’an wie auch psychisch verändernde Substanzen haben etwas gemeinsam: Es ist das Verstehen nicht nur des Menschseins, sondern des tiefsten Wesens allen Seins. Es geht also – indirekt – um Themen wie persönlicher Identität, der wahren Natur der Wirklichkeit und das menschliche Bewusstsein. Das bedeutet letztlich, dass mein Denken von jetzt auf gleich änderbar ist. Ich kann mein aktuelles Denken beenden und fortan anders denken. Organisiere ich mein Denken neu, denke ich vollkommen anders, denn auch das Denken ist ein Prozess. So wie ich die Heizung abstellen kann, kann ich auch das Nachdenken abstellen. Und denke ich nicht mehr nach, denke ich vollkommen anders.

Das kann ich über Zen-Meditation, Psychedelika oder über das Bewusstsein meines Denkens erreichen. Bringe ich den Denkprozess in die richtigen Bahnen, also erst Fakten, dann meine Werte und dann das für andere Erlebbare, das Narrativ, dann bin ich genau da, wo auch die Ch’an-Menschen sind: In einer Welt (in meinem Kopf!!) ohne aus sich selbst heraus existierendem Selbst.

Auf diese Erkenntnis hat mich eine Frage gebracht. Die Ch’an-Menschen wirken ja alle sehr ähnlich. Nur was ist das Gemeinsame? Wenn alle die gleiche Haltung haben, sehen sie sich ähnlich. Heißt, wenn alle glücklich sind, sehen sich alle ähnlich. Und weshalb sind sie so happy? Weil kein „Ich“, kein „Selbst“ sie mehr gefangen hält. Im „normalen“ Leben brauche ich nur darauf zu achten, mich auf Fakten zu beziehen – statt auf (Be-) Wertungen und Meinungen.