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Wie ich die Welt sehe

Will ich wissen, wie die Welt ist, muss ich einfach nur wissen, wie ich selbst bin. Denn auch ich bin wie das Universum, nur eben ganz, ganz winzig. Doch die Prinzipien und Strukturen, nach denen ich mich organisiere, sind identisch.

„Angefangen“ habe ich als Einzeller. Was ich vom Prinzip her auch geblieben bin, nur dass es mittlerweile ein Verbund von Abermillionen von Zellen ist. Doch die einzelne Zelle funktioniert wie die Urzelle, das System ist nur stetig komplexer geworden, je mehr Zellen beteiligt sind. Komplex, nicht kompliziert.

Wenn all diese Zellen harmonisch miteinander interagieren, geht es mir gut. Und so wie es bei mir ist, ist es auch in der Gesellschaft. Die Natur macht uns das vor, vorausgesetzt, wir mischen uns nicht ein. Denn wir haben die Natur und uns selbst noch nicht wirklich verstanden.

Doch wie Hui Neng in dem Text „Das Sutra des sechsten Patriarchen“ ganz richtig sagt, gibt es getrennt von der Welt nichts zu finden. Nichts anderes, was viel Wissenschaftler auch erkannt haben. Verstehe ich die Welt, verstehe ich mich; verstehe ich mich, verstehe ich die Welt. 

Er sagt auch, dass sich vollständig von Falsch und Richtig zu befreien das Wesen der Erleuchtung (das eigene Wesen) an sich ist. Was jetzt nicht bedeutet, dass es Falsch und Richtig nicht gibt. Versuche ich auf dem Motorrad bei hohem Tempo nach links zu lenken, um nach links zu fahren, dann ist das eindeutig falsch, ich werde nach rechts fahren.

Das Wissen um Richtig und Falsch korrekt anzuwenden, ohne darüber noch nachdenken zu müssen, darum geht es. Doch das bedeutet nicht, dass ich nicht auch Falsches tun könnte. Das passiert, wenn ich nicht im Einklang mit mir, der Gesellschaft, der Natur und der Welt bin.

Im Einklang zu sein ist oft nicht so einfach. Niemand kann ein Orgelstück von Bach spielen, gut Motorrad fahren oder einem Menschen helfen, wenn er nicht im Einklang mit dem ist, was er tut. Will ich mich selbst erkennen, gibt es nichts Einfacheres als zu sehen, was ich tue und mir die Frage zu stellen, ob das im Einklang mit dem Universum ist.

Die, wenn Sie so wollen, „Philosophie“ meines Tuns muss ich reflektiert und vor allem auch verinnerlicht haben, sonst werde ich sie nicht anwenden können. Beides, Wissen wie Philosophie wirken sich nur dann in meinem Tun aus, wenn ich sie implizit anwenden kann, wenn ich eben „so“ bin.

Der Erfolg oder die Wirkung meines Tuns ist ausschlaggebend und nicht, weshalb ich etwas tue. Maßgeblich ist daher, dass ich mir meiner Gefühle, Gedanken, Empfindungen und Verhaltensweisen implizit bewusst bin.

„Implizit“ heißt, dass ich nicht darüber nachdenke es aber ganz genau weiß. Es ist vergleichbar mit der Propriozeption auf der körperlichen Ebene. Dann gibt es im Grunde keine automatisierten und unbewussten Verhaltensmuster mehr, was jedoch nicht bedeutet, dass ich ständig darüber nachdenken müsste.

Bin ich mir vollkommen bewusst, was ich tue, bewege ich mich im Flow. Perfekt. Zwei Dinge brauche ich dazu, einmal das erforderliche Wissen über menschliche Verhaltensstrukturen, die ich auch verinnerlicht haben muss, damit ich sie anwenden kann. Weiter brauche ich unbedingt kontinuierliche Bewusstheit, vor allem für das, was in meinem Denken und meinen Empfindungen vor sich geht.

Ich brauche mir nur der verwendeten Frames bewusst zu werden, um klar zu bekommen, wie mein Weltbild organisiert ist. Was früher unbewusst geschah, will ich jetzt bewusst tun – mich organisieren.

„Richtig“ zu denken scheint erst einmal anstrengend zu sein, ist es aber nicht. „Anstrengend“ ist nur die Selbstüberwindung, die es braucht, wenn ich wieder einmal aus alten Muster herausfinden muss.