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Wie funktioniert Erziehung?

Indem man den Kindern beibringt zu werden, wie man selbst ist? Was aber, wenn man oder besser ich dabei falsch liege? Pech für das Kind? Genau so aber funktioniert Erziehung leider meistens. Das ist aber keine Schuldzuweisung, denn woher sollen Eltern wissen, was für ihren Nachwuchs stimmig ist und was nicht? Denn dazu müssten sie wissen, wo sie selbst falsch liegen. Was sie aber leider nicht wissen können, das wissen sie, wenn überhaupt, erst hinterher. Und da ist es dann schon zu spät. Wie heißt es doch? So wird man unschuldig schuldig. 

Und in der Beratung ist es kein bisschen anders. Woher soll ich denn wissen, dass ich richtig liege? Nur weil der Herr Meier, die Frau Schneider und der Herr Müller der identischen Meinung sind wie ich, müssen wir doch nicht richtig liegen! Vielleicht übersehen wir alle miteinander etwas, einfach, weil es noch nie einer von uns gedacht hat? Oder überhaupt noch keiner? Was aber die Frage aufwirft, warum das überhaupt sein muss. Die Vögel in unserem Garten haben es wirklich gut. Nicht nur, dass sie sich in dem Vogelhäuschen bedienen können, vor allem aber müssen sie sich keine Gedanken darüber machen, wie sie ihre Kinder erziehen sollen. Das Problem mit der Erziehung haben also nur wir Menschen. Oder mit der Beratung. Ist das selbe.

Denn beides ist notwendig, Erziehung, weil die Kinder sonst wahrscheinlich nicht lernen, wie sie sich verhalten sollen und Beratung, wenn jemand nicht gelernt hat, wie er sich verhalten soll und alleine nicht weiterkommt. Doch warum brauchen das Vögel nicht? Oder Tiere überhaupt, genauso wenig wie Pflanzen? Gibt es also eine „natürliche Welt“, mit der der Mensch nichts mehr wirklich gemein zu haben scheint, auch wenn er selbst Natur ist? Und was bedeutet das für uns? Warum braucht der Mensch Erziehung oder Beratung? Und braucht er die wirklich?

Ein Wolfsjunges beispielsweise wird von der Wolfsmama und dem Wolfspapa auch erzogen, sie bringen ihm die Regeln der Wolfs-Community bei. Bei Adlern ist das schon anders. Die bekommen keine Adler-Community-Regeln beigebracht, denn die leben nicht in Gruppen, haben keine Community. Fliegen können die Jungen von alleine, nur jagen müssen sie lernen. Und wie man sich dem anderen Geschlecht gegenüber verhält, das haben sie scheinbar auch im Blut, aber so genau weiß ich das nicht. Jedenfalls braucht das Leben in einer Community Regeln, und die müssen gelernt werden. Doch bei uns Menschen ist Erziehung komplizierter.

Wenn Kinder ihre Eltern einfach nachmachen, so wie es bei Wölfen und Adlern Sitte ist, würden die Kinder im ganz normalen Alltag teilweise und das mit schöner Regelmäßigkeit ganz schön auflaufen. Doch warum ist das so? Ganz einfach, weil diese Gesellschaft nicht gesund ist, sie ist regelrecht schizophren. Denn sehr, sehr viele Menschen leben in zwei Welten. Da ist einmal die normale Welt, die natürliche Welt, ohne die wir nicht existieren würden. Verhalten sich Eltern natürlich, also so, wie es notwendig ist, um zu leben, dann würden ihre Kinder das dann auch tun, eben indem sie das kopierten. Doch das würde es ihnen nicht ersparen, mit anderen Kindern in Konflikt zu geraten, nämlich dann, wenn die von ihren Eltern nicht nur die Verhaltensregeln der natürlichen Welt kopiert haben, sondern auch die der normalen Menschenwelt. Und das sind kriegerische Regeln.

Die Management- und Wirtschaftssprache (und vielfach auch unsere ganz alltägliche Sprache) ist mit Kriegsmetaphern durchzogen, regelrecht durchtränkt. Was scheinbar aber niemandem so wirklich aufzufallen oder gar aufzuregen scheint. Würde sich aber ein Manager, ein Angestellter oder ein Arbeiter zuhause auch so verhalten wie in der Firma, dann bekäme er mit hoher Wahrscheinlichkeit Streß ohne Ende. Aber wirklich verbergen kann er nicht, dass er sich in der Firma doch ganz anders verhält als in der Familie. Manchmal bricht dann eben doch die andere Welt durch. Am ehesten lässt sich das dadurch verhindern, dass man sich an die konventionellen Regeln hält. Man tut nichts, was einen anderen verstören könnte. Dagegen ist ja nichts zu sagen, aber deswegen etwas zu sagen, was man selbst gar nicht glaubt und auch noch für falsch hält? Statt einfach nur höflich zu schweigen?

In der Konvention bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener, allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln. Das bedeutet jedoch leider, dass wir uns nur in einer Pseudo-Gesellschaft bewegen. Wir tun so, als wären wir eine Gesellschaft, doch in Wirklichkeit sind wir keine. Und da ist es vollkommen logisch, dass Kinder darauf konditioniert werden müssen!

Um Konvention verstehen beziehungsweise lernen zu können, genügt das normale Copy and Paste einfach nicht mehr. Konditionierung muss regelrecht andressiert werden. Solange einem das nicht bewusst ist, gibt man es an seine Kinder weiter. Siehe oben. Und in der Beratung? Da ist es exakt gleich. Doch was unterscheidet den Berater, der sich dessen bewusst ist, von dem Berater, der selbst in der Konvention verhaftet ist? Zum besseren Verständnis ein Text von Ikkyû Sôjun:

Hat doch neulich ein gewisser Mönch,
nach allen Regeln der Kunst studiert,
nun selbst an der Reihe, nur Blabla-Zen gelehrt,
als wär’s was Wunderbares!
Hier, in der Verrückte-Wolken-Hütte,
setz dich auf meinen dreibeinigen Hocker,
nimm die Reisschale und halt die Klappe.

Das Einzige, was man guten Gewissens intellektuell an andere weiter geben kann, sind die Axiome des Lebens, mehr nicht. Lange habe ich mir überlegt, wie man die Gedanken Krishnamurtis oder Nagarjunas Managern vermitteln könnte. Dabei ist es ganz einfach, es funktioniert nämlich wie bei anderen Menschen auch: Indem man ihnen klarmacht, dass es klüger für sie wäre, nicht mehr in der Konvention zu leben und das selbst lebt. Das muss man erst einmal begreifen, denn das verstehen wir intuitiv leider nicht, da das nichts mit der gewohnten Ordnung zu tun hat. Nur ein menschliches Gedankenkonstrukt, nichts natürliches. Viele leben in einer illusionären, fiktiven Welt, die sie aber für vollkommen real halten. So wird Trennung, Kontrolle und Kalkulierbarkeit von menschlichen Prozessen und damit von menschlichem Verhalten für absolut real gehalten – was sie aber niemals sind.

Doch wie kann man eine Brücke bauen? Das kann man leider nicht. Doch wenn sich der andere darauf einlässt und seine Ansichten und Überzeugungen einmal stecken lässt und erst wieder auspackt, wenn sie oder er verstanden hat, dann ist es leicht. Doch allein das als Bedingung zu nennen ist schon, als würde man ein unzüchtiges Angebot machen. Doch wer sich darauf einlässt, für den ist es leicht.

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