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Weshalb nicht gleich?

Der Text „Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit und die Suche nach Sinn“ von Nikolaus Gerdes wirft eine wichtige Frage auf: „Was hält uns ab, die Wirklichkeit zu erkennen?

Nikolaus Gerdes ist Onkologe und hat mit diesen Worten beschrieben, wie sich Menschen fühlen können, die mit einer Krebsdiagnose konfrontiert sind. Sein Referat beginnt mit einer  wichtigen Feststellung:

Dieses ‚Ursprungsproblem‘, so wird sich zeigen, betrifft die ‚Nicht‐Betroffenen‘ in genau der gleichen Weise wie die ‚Betroffenen‘ (an Krebs Erkrankten); der Unterschied ist nur, dass ihm die Betroffenen weniger leicht ausweichen können. Insofern macht die These keine prinzipielle Unterscheidung zwischen ‚Gesunden‘ und  ‚Kranken‘.“

Sein Resümee: Sozusagen in einer „Nussschale“ läßt sich die These mit den Anfangszeilen eines Gedichts aus 1001 Nacht erläutern: ‚Die Menschen schlafen solange sie leben. Erst in ihrer Todesstunde erwachen sie.

Die Frage ist demnach: ‚Warum nicht gleich? Was hindert uns, die Wirklichkeit zu erkennen?‘ Denn dass er Recht mit dem hat, was er schreibt, das steht für mich außer Frage. Gert Sockel hat das ‚Problem‘ in diesem Video sehr gut beschrieben. Wir sehen die Gitterstäbe nicht, mit denen wir uns in unserem Denken regelrecht selbst eingesperrt haben.

Wir halten ganz selbstverständlich ein Wesen der Dinge, also der Begriffe wie Rot aber auch wie Intelligenz, Bewusstsein, Normalität, Wirklichkeit oder Realität für gegeben – was sie jedoch nicht sind. Der darin zum Ausdruck kommende Essentialismus ist der direkte Weg tiefer hinein in das Dilemma, das gedankliche Gefängnis, dessen Gitterstäbe wir einfach nicht sehen.

Weil wir Begriffe und Sprache unterschiedlich und absolut nicht einheitlich gebrauchen, fällt es uns so schwer, diesem gedanklichen Gefängnis zu entkommen. Das ist der gordische Knoten, den es zu lösen gilt. Alexander der Große hat das Rätsel um den historischen Knoten  ja nicht gelöst, sondern einfach durchgehauen. Es gab aber noch eine zweite Lösungsmethode. Man hätte nur genau hinzuschauen müssen und hätte dann erkannt, dass man nur einen Stift herausziehen muss, der das Ganze zusammenhält. So die Geschichte.

Es geht also darum, die Fallstricke der Sprache, der Begriffe, der Denkweise und der Ideologien zu erkennen, um dann mittels der Sprache (!!) so zu kommunizieren (auch mit uns selbst), dass klar wird, dass dieses Gefängnis nichts als eine Illusion ist. Klingt einfach, ist es aber ganz offensichtlich nicht. Nur wo steckt das ‚Problem’?

Ich denke es ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Und genau dieses Bedürfnis bleibt (vermeintlich) unbefriedigt auf der Strecke, verlassen wir die ‚normale‘ Wirklichkeit. Obwohl, richtiger wäre von der ‚normalen Wirklichkeitssicht’ zu sprechen. Ich denke, das ist, was viele daran hindert, sich aus dem selbst gedachten (!) Gefängnis zu lösen und die Illusion zu erkennen. Hat man sie nämlich erkannt, ist sie auch schon vorbei.

Doch warum haben wir diese Sehnsucht nach Zugehörigkeit, statt ganz einfach und ganz selbstverständlich dazu zu gehören? Die ‚richtige‘ Frage ist doch nicht, wie wir Zugehörigkeit erfahren können, sondern wie entsteht das Gefühl, ausgegrenzt zu sein? Wobei zuerst die Frage steht, ob man ausgegrenzt wird oder sich selbst ausgrenzt. Auf jeden Fall ist da eine (eigene) Erwartungshaltung, die nicht wie erwartet erfüllt wird.

Vielleicht gibt es keine eindeutige Antwort auf diese Frage; aber die Tatsache bleibt bestehen, dass man sich auch als erwachsener Mensch ausgegrenzt fühlen kann; vielleicht, weil man dieses schon in der Kindheit erfahrene Gefühl zu seinem eigenen Lebensskript hinzugefügt hat und es dann, so paradox das erscheinen mag, nicht mehr lassen kann. Man hat es ganz einfach in das eigene Weltbild integriert.

Es zu lassen bedeutet, das eigene Weltbild insofern in Frage zu stellen, also sich selbst als Handelnder zu sehen und eben nicht als Opfer. Entscheidend ist wohl zu wissen, dass man sich als erwachsener Mensch von dem Wunsch nach Anerkennung emanzipieren kann. Das ist auch das Sinnvollste, denn einen anderen ändern zu wollen ist wohl unmöglich. Ich habe jedenfalls noch nie gehört, dass das jemandem gelungen wäre.

Manche Leser werden sich fragen, warum ich dem letzten Punkt einen solchen Stellenwert einräume. Ich tue das, denn es ist ein extrem wichtiger Punkt, der aber regelmäßig nicht wahrgenommen wird, selbst wenn man ihn explizit thematisiert hat. Das ist auch eine der Arten von Gitterstäben, die einfach nicht gesehen.

Es könnte so einfach sein. Einfach umsetzten, was man erkannt hat. Aber das ist ganz offensichtlich nicht so einfach, denn das bedeutet, sich selbst zu hinterfragen. Natürlich nicht tatsächlich ‚sich‘, sondern ‚nur‘ die eigenen Annahmen und Überzeugungen. Für viele läuft das gleichwohl auf das Selbe hinaus, was es natürlich nicht ist, nicht einmal das Gleiche. Das muss man wohl erst einmal akzeptieren, bevor man aufhören kann, sich angegriffen zu fühlen, wenn das eigene Verhalten in Frage gestellt wird.

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