Werte, Fakten und Narrative

Gleiche Ausgangssituation, aber unterschiedliche Geschichten? Wie ist das möglich? Mein Bruder und ich haben, was die Geschichte unserer Eltern im sogenannten Dritten Reich betrifft, eine absolut identische Ausgangssituation. Doch was wir sozusagen daraus „machen“, ist extrem unterschiedlich. Wir können zwar darüber reden, aber wir kommen zu keiner einheitlichen Einschätzung des damaligen elterlichen Verhaltens.

Es ist ganz offensichtlich nicht das Erleben unserer Eltern, das den Unterschied macht, sondern etwas ganz anderes, wohl auch oft übersehen – oder meist vielleicht gar nicht gesehen. Es geht um die Frage nach Werten oder Fakten. Mich interessieren Fakten, meinen Bruder Werte. Eine gute Gelegenheit, wunderbar aneinander vorbei zu reden.

Mir ist das gestern extrem bewusst geworden, als ich mich fragte, weshalb viele meinen Texten nicht widersprechen, ihnen aber auch nicht zustimmen, sondern sich lieber in Schweigen hüllen. Meine Frau sagt immer, zu meinen Texten gibt es nichts zu sagen, sie seien einfach richtig. Was jetzt aber nicht unbedingt bedeutet, dass sie die Inhalte auch immer beherzigen würde.

Was kann also einen Menschen dazu bringen, etwas für richtig zu halten, sich selbst aber anders zu verhalten? Genau – keine Übereinstimmung auf der Wertebene! Ist man auf die Wertebene bezogen, haben Fakten ganz offensichtlich keine absolute Bedeutung, sondern eine relative. Sie werden nicht als gegeben angesehen, sondern eben als relativ, also interpretierbar. Wie gesagt, die Fakten an sich, nicht ihre Bedeutung!

Unser Denken ist ja nach dem organisiert und strukturiert, woran wir glauben. Ich meine jetzt nicht, ob jemand an einen christlichen Gott glaubt, sondern all die Methoden und Konzepte, von denen wir ganz selbstverständlich ausgehen – und selten hinterfragen, auch, weil sie uns meist nicht wirklich bewusst sind.

Bedenkt man das alles, dann versteht man, weshalb die Ch’an-Menschen immer etwas gegen Methoden und Konzepte im Denken haben. Mein Motorrad folgt in einer Kurve ganz klar mechanisch gut beschreibbaren Gesetzmäßigkeiten, nur macht das die obere Hälfte des Motorrades, als ich, definitiv nicht. Ich folge ganz klar anderen Regeln, nämlich komplexen. Also muss ich immer sauber unterscheiden, was ist Motorrad und was ist Mensch? Worüber rede ich?

So ist es auch bei Fakten und Werten. Die bedingen sich zwar, haben aber nichts miteinander zu tun. Doch das bedeutet nicht, dass die immer sauber auseinandergehalten würden. Interessant ist, hat man sich mit seinem Gesprächspartner auf die saubere Trennung der Ebenen verständigt (hier darf man trennen!) oder ist es von vorne herein Konsens, dann „versteht“ man sich, was keine Frage der Intelligenz oder Auffassungsgabe ist, sondern eine Folge der Übereinstimmung des Verständnisses der Kommunikationsebenen.

Was eine interessante Frage aufwirft. Wenn etwas Neurowissenschaften, Zen-Meditation und Psychedelika miteinander verbindet, was ja ganz offensichtlich zu sein scheint, verbindet dann auch die Menschen etwas? Spannende Frage, nicht? Das hat auch etwas mit Werten, Fakten und Narrativen zu tun.