Wert versus Wirklichkeit

Die entscheidende Frage, wollen wir in der Realität ankommen. Über einen Wert definieren wir die Bedeutung, die ein Fakt für uns hat. Der Begriff leitet sich ab von dem Lateinischen valere, „wert sein, gelten“, das seinerseits vom griechischen axios, „was Wertschätzung verdient“ bedeutet, also die Eigenschaft einer Sache, die sie objektiv erstrebenswert macht.

Wir stellen also etwas, zum Beispiel das jemand, mit dem wir verabredet waren, nicht gekommen ist. Das ist erst einmal nur ein Faktum. Doch wie wir das bewerten, das liegt an uns selbst, denn es ist eine Interpretation der Fakten, also eine Denkleistung. Daher ist es schwierig mit einer Wertung, also einer Bewertung, umzugehen, wenn man die dem zugrundeliegenden Fakten nicht kennt, dann kann man sich darüber nicht auseinandersetzen.

Ein Wert fühlt sich für uns absolut wahr an, doch ob er den zugrundeliegenden Fakten entspricht, bedeutet das nicht, kann es auch nicht. Wir ärgern uns beispielsweise über die Unpünktlichkeit unserer Verabredung und denken, er oder sie sei unzuverlässig, wissen aber nicht, ob er oder sie ganz einfach und verständlich in einem unfallbedingten Stau steckengeblieben ist.

Wir sollten also über nichts urteilen, solange wir nicht alle notwendigen Fakten beisammen haben, um ein fundiertes Urteil zu fällen. Sprechen wir von Werten, liegen dem notwendigerweise Urteile zu Grunde. Daher sollte wir genau wissen, aufgrund welcher Fakten wir urteilen. Nur dann können wir einem anderen die Möglichkeit einräumen, die Stimmigkeit unserer Bewertung zu überprüfen.

Wir sollten also mit jeglicher Art von Wertungen sehr vorsichtig umgehen, denn all die großen und kleinen Wertungen bilden die Realität, in der wir leben. Denn wir leben in der Regel nicht in der Wirklichkeit, sondern in der Welt unserer Wertungen, der Welt, die wir durch durch eben diese Wertungen kreieren. Die Realität, in der wir zu leben glauben, erzeugen wir also selbst. Denn Wertungen und Realität sind etwas ganz anderes als Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit können wir nur erfahren, wenn wir bereit sind, ohne Wertung und Bewertung zu sehen, was ist. Wirklichkeit ist so gesehen, das einfachste von der Welt. Doch in der Welt unserer Wertungen fühlen wir uns zuhause. Dummerweise, denn das ist nicht die Welt, in der wir zuhause sein sollten. Das sollte die Wirklichkeit sein und nichts sonst.

Wir sind also gut beraten unsere Werte nicht für die Wirklichkeit zu halten. Salvatore Dali hat es sehr blumig so ausgedrückt: „Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes.“

Viel zu schnell und viel zu leicht war ich früher bereit, eine Ursachen-Wirkungs-Kette allein deswegen als valide anzunehmen, weil sie meinem Wertsystem und damit meinen Weltbild entsprach. Die Frage, ob sie tatsächlich der Wirklichkeit entsprach, stellte ich mir dann nicht mehr. Und das konnte fatale Folgen haben, stellte ich mich doch damit oft über andere, deren Tun oder Verhalten ich dadurch beurteilte, einfach, weil ich nicht auf die Fakten achtete, sondern lieber meinem Gefühl, meinen Empfindungen und meiner jeweiligen Stimmungslage vertraute.