Wer ist schuld?

Das ist die Frage der Sündenbockpsychologie. Es kommt nämlich nicht darauf an, wer schuld an etwas ist, sondern was einen Menschen dazu bringt, so zu handeln, dass wir von Schuld sprechen. Dabei wird diese Frage sehr unterschiedlich beantwortet.

Die einen suchen die Gründe in der Psyche des Täters, die anderen in seinem Denken. Letzteres ist das Effektivere, basiert doch die Psyche letztlich auf dem eigenen Denken. Weshalb sich also mit etwas aufhalten, was einen nicht wirklich auf den Grund gehen lässt, sondern an der Oberfläche stehen bleibt und sich nicht weiter traut?

Gehen wir nicht bis an die Quelle, bleibt uns verborgen, dass an erster Stelle der Einzelne steht, der sich durch eine Unmenge von einzelnen Elementarteilchen als erstes ‚fassbares‘ System herausgebildet hat. Zur Erinnerung: Alles, wirklich alles, funktioniert nach den Gesetzmäßigkeiten der Quantenphysik. Es gibt keine Grenze, wo das enden würde. Es ist nur eine Frage der Wahrnehmung, ob ich diese ‚Bewegungen‘ noch wahrnehmen kann oder eben nicht. Dass ich sie nicht ‚sehen‘ kann bedeutet also nicht, dass sie überhaupt nicht da wären. Aber ich kann sie mir bewusst machen, etwa, wenn ich mir bewusst werde, wie rasant ich manchmal meine Meinung ändere.

Betrachte ich die Frage nach der ‚Schuld‘ also quantenmechanisch, dann komme ich immer bei dem Kleinsten als Ganzes existierenden System an, also beim ‚ich‘. Das Dumme ist nur, dass jeder immer von sich selbst ausgeht, doch er macht dann selten die quantenmechanische Überlegung und sieht sich selten selbst in der Pflicht, sondern ‚die anderen‘, wer auch immer das ist.

Es ist mein eigenes Selbstverständnis, das mich immer wieder von dem Pfad der Tugend abkommen lässt, nämlich immer dann, wenn ich mir Gedanken über andere und nicht über mich mache. Das definiert ja, worauf ich mich ausrichte – auf mich oder auf die anderen?! Dabei habe ich im Hinterkopf, dass wir das in sich differenzierte Eine sind und der andere kein wirklich Anderer ist, sondern nur eine andere Perspektive des Einen.

Es hat eine Weile gedauert, bis das in meinem Kopf war, und noch länger wird es dauern, bis ich es wirklich ‚begriffen’ habe und nicht mehr so denke, nicht einmal ansatzweise. Dieses Denken muss mir sozusagen in Fleisch und Blut übergehen, sonst werde ich nie sicher sein können, dass ich nicht doch wieder mal so denke, wie ich aber nicht denken will.

Das alles bedeutet jedoch nicht, dass ich eine kollektive Haltung, etwa ein kollektives Verdrängtes nicht auch persönlich nehmen müsste. Alles, was in der Gesellschaft passiert, passiert letztlich ja auch in mir selbst, denn die Gesellschaft und ich sind definitiv eins. Wir bilden mit unseren Meinungen und Ansichten nur unterschiedliche Perspektiven ab. Diese verschiedenen Blickwinkeln machen das Eine aus. Kümmere ich mich um mich, kümmere ich mich auch um das Eine, kümmere ich mich um das Eine, kümmere ich mich um mich. Nur darf das nicht auseinander fallen, es sind die zwei Seiten der einen Medaille.

Doch wenn ich selbst die Gesellschaft oder der andere bin, werde ich nicht auf die Idee kommen, gegen sie oder ihn zu kämpfen, genauso wenig, wie irgendjemandem Schuld zuweisen werde, sondern nur Verantwortlichkeit. Schuld wird auch gerne relativiert, Verantwortlichkeit für die eigenen Taten lassen sich nicht relativieren, jedenfalls finde ich das so. Was ich getan habe, kann ich nicht beschönigen – wie auch?