Springe zum Inhalt →

Weltbilder und Weltverständnis

Wir mögen zwar das Selbe oder zumindest das Gleiche sehen, doch verstehen wir es auch gleichermaßen? Sicher nicht! Unser Verständnis der Welt ist so unterschiedlich, wie wir uns motorisiert auf die unterschiedlichste Art und Weise fortbewegen können. Die einen fahren auf Schienen, die anderen in einem Auto, wieder andere fahren Motorrad. Und noch mal andere fliegen lieber.

Sie alle bewegen sich auf der Erde. Sie sehen auch das Gleiche, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven. Doch ihr Verhalten in Bezug auf ihre Art der Fortbewegung ist eine vollkommen andere. Aber nicht nur das, sie erleben die Fahrt auch ganz unterschiedlich. Ob ich im Auto oder auf dem Motorrad fahre, ich erlebe die Fahrt absolut anders, selbst wenn die Route identisch ist. Absolut nicht vergleichbar. Wenn ich einem nur Autofahrer von dem Erleben während einer Motorradfahrt erzählen wollte, würde er mich zum einen nicht verstehen, weil er mein Erleben nicht nachvollziehen kann und zum anderen hätte ich Schwierigkeiten, das sachlich auszudrücken. Genau genommen nicht möglich.

Wer aber erlebt die Welt so, wie sie ist? Der Zugführer, der Auto- oder der Motorradfahrer? Und wie erlebt sie der Flieger? Oder ein Segler? Sie erleben alle das Selbe, aber ihr Erleben ist nicht vergleichbar. Und exakt so ist es auch, wenn ich mich mit anderen über Politik, die Lage der Gesellschaft, aktuell die Corona-Pandemie oder die wirtschaftliche Lage unterhalte. Nur dass wir uns dabei nicht mit unterschiedlichen Fahrzeugen bewegen, sondern mit einem anderen Weltverständnis denken. Das Ergebnis aber ist das selbe, nämlich das Nicht-Verstehen-Können des Anderen.

Einen Autofahrer und einen Motorradfahrer einen Disput oder eine Diskussion darüber führen zu lassen, welche Fortbewegungsart die Bessere sei, ist müßig. Das Einzige, was möglich ist und Sinn machen würde, wäre der Dialog. Der eine erzählt seine Sichtweise und sein Erleben, soweit das möglich ist, der Andere seine. Und beide Sichtweisen und Schilderungen bleiben nebeneinander stehen, ohne sie gegeneinander abzuwägen, werden beide als wahr akzeptiert. Dann kann etwas neues Entstehen, etwa dass der Autofahrer spontan beschließt, Motorradfahren zu lernen. Oder umgekehrt.

Die Frage, die sich mir damit stellt ist, weshalb wir uns in der Politik nicht genau so verhalten und einfach einmal zuhören würden. Oder wenn wir uns über unser Weltverständnis unterhalten. So könnten sich ein Katholik, ein Protestant, ein Jude, ein Muslim und ein Buddhist wunderbar miteinander austauschen und vielleicht Anregungen von dem Anderen bekommen. Was wir selbst verstehen, weil es einem selbst so vollkommen logisch und verständlich erscheint, kann der andere einfach nicht nachempfinden, es sei denn, er lässt sich darauf ein – in einem wirklichen Dialog.

Doch eines bleibt: Was ist der (gemeinsame) Bezugspunkt? Gibt es einen solchen Ausgangspunkt, bei dem alle sagen können ‚Ja, das will ich auch wissen!‘? Worauf kann ich mich überhaupt beziehen? Für mich ist das ein Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Philosophie. Die Wissenschaft ist erforderlich, um nicht den Boden zu verlieren, um nicht sozusagen im luftleeren Raum zu denken. Und bei der Klärung wissenschaftlicher Fragen kann man Untersuchungsergebnisse nicht einfach so abtun wie philosophische oder religiöse Ansichten. Es hätte auch den wichtigen Vorteil, dass man von Beginn an in der richtigen Perspektive bleibt, so dass der Dialog auf einer unpersönlichen Ebene bleiben kann und nicht in eine intellektuelle Debatte umschlägt.

Wenn man so Konsens über die wissenschaftliche Grundlagen hat, kann man sich den daraus ergebenden philosophischen Fragen zuwenden.

Veröffentlicht in Blog