Weltbilder und Erleben

Alles nur eine Frage der Organisation? Ich habe gerade über das Zeitempfinden verschiedener Kulturen nachgedacht. Wir Europäer ‚sehen‘ Vergangenheit und Zukunft auf einer leicht gebogenen Linie gleichermaßen, so dass wir beides von dem aktuellen Zeitpunkt, der Gegenwart, im Blick haben.

Andere Kulturen ‚sehen‘ das ganz anderes, bei ihnen ist der Zeitstrahl keine gebogene Linie, die sie ingesamt im Blick haben, sondern eine gerade Linie, die auch noch um 90° gedreht ist. Die Vergangenheit liegt also hinter ihnen, die Zukunft vor ihnen. Die sie aber auch nicht wahrnehmen, weil die ja durch die Gegenwart verdeckt wird.

Kognitive Phänomene wie Zeitgefühl, Zeitbewusstsein, Zeitsinn, Gleichzeitigkeit/Nacheinander, subjektive Zeit und Zeitqualität hängen also ganz klar davon ab, wie ich Zeit mental organisiere, und nicht wie ich sie erlebe. Denn erleben kann ich weder Vergangenheit noch Zukunft, erleben kann ich allein die Gegenwart.

Das übliche Zeitempfinden, das auch bedingt, wie ich vermeintlich (!!) die Zeit erlebe, ist nichts anderes als eine kognitive Konstruktion. Nur entspricht die absolut nicht der Wirklichkeit. Im Zustand des Flow erlebe ich Zeit ausschließlich in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft kommen darin definitiv nicht vor.

Das ist so, weil Vergangenheit wie Zukunft gedachte Zustände sind, ich aber nur die Gegenwart wirklich erleben kann. Das bedeutet, dass mein übliches Erleben bisher durch mein Zeitdenken verschleiert war. Erleben und Denken habe ich miteinander verbunden, das Erleben war nicht unmittelbar, es musste erst noch mein Denken passieren, bevor ich beides wahrnahm – und erlebte.

Wobei es wichtig ist zu sehen, dass ich weder aufhören zu denken noch auf das Denken des Verstandes verzichten soll; vielmehr geht es darum, beides von unzutreffenden Haltungen zu lösen.

Zeit ist ein gutes Beispiel, mir den Einfluss unzutreffenden Denkens auf mein Erleben bewusst zu machen. Mein Denken organisiert auch meine Wahrnehmung, solange das Denken der Wirklichkeit nicht entspricht. Ein guter Grund, mein Denken zu organisieren. Doch dazu muss ich erst einmal untersuchen, wie ich überhaupt denke, wie ich also bisher mein Denken organisiert habe.

Das wäre der erste Schritt, der weitere Schritt wäre, letztlich ganz ohne Denken zu denken. Wie im Flow. Mir kommt gerade der Gedanke oder die Frage, was passiert, wenn ich mein Denken korrekt organisiert habe? Bin ich dann ‚automatisch‘ im Flow?

Verschwindet dann das Denken, ohne dass ich aufhören würde zu denken? Das würde es nicht, es wäre mir nur nicht mehr bewusst.

Wie gesagt, Zeit ist nur ein Beispiel. Aber ein sehr gutes!