(Welt-) Verständnis

Mein Weltbild bedingt, wie ich die Welt, die Natur und die Menschen „verstehe“. Das schließt die Frage mit ein, ob ich die Welt und die Menschen überhaupt verstehen kann. Das bedingt auch, wie ich mit Schwierigkeiten umgehe und ob ich überhaupt Lösungen finden kann.

Bewusst wurde mir dies wieder einmal in einem Gespräch mit einem Bekannten, der, anders als ich, davon ausgeht, dass es ein Selbst gibt, also einen Kern von ihm. Was ich schon geahnt habe, da er Psychologe ist, zu der er über die Gedanken von Freud kam.

Ich halte es weniger mit der Psychologie, sondern eher mit den Gedanken von Krishnamurti. Und genau da steckt die Differenz in unserem Denken. Während die Aufgabe der Psychologie nach Freud gewöhnlich darin liegt, unbewusste Ich-Anteile in das Ich zu integrieren, um auf diese Weise (bereits aufgetretene) Konflikte aufzulösen, erkennt Krishnamurti bereits in der Annahme der Existenz eines Ichs das eigentliche Problem:

Nicht eine Ich-Stabilisierung wird bei Krishnamurti angestrebt, sondern dessen Auflösung. 

Das Ich, Selbst oder auch Ego (Krishnamurti unterscheidet hier nicht) ist für Krishnamurti hingegen die Ursache aller Konflikte. Das Ich, erklärt er, ist ein Produkt, eine bloße Struktur des Denkens: „In sich selbst hat das ‚Ich‘ keine Realität.“

Beide Ansichten können wohl kaum nebeneinander Bestand haben, eines muss richtig und das andere falsch sein. Also gilt es herauszufinden, was korrekt ist – wollen wir unsere allgegenwärtigen Konflikte lösen.

Ich schreibe hier ‚wir‘, einfach deswegen, weil ich mich klar positioniert habe, weil es dafür sehr viele gute Gründe gibt. Das Augenscheinlichste ist für mich der Umgang mit den Themen der NS-Zeit, die für uns beide eine wichtige Rolle in der Familie spielt.

Augenscheinlich deswegen, weil in dem Forum „Arbeitskreis PAKH“, der psychologisch, überwiegend psychoanalytisch basiert arbeitet, der Wert ‚Menschlichkeit‘ (beziehungsweise dessen Verlust) eine wesentliche Rolle spielt, für mich aber naturalistische Fehlschlüsse grundlegend ist, also die strukturellen Annahmen im Denken der Menschen.

Wie vermittle ich einem Anderen den Wert „Menschlichkeit“ beziehungsweise wie bringe ich ihn dazu, Menschlichkeit zu leben? Schwierig bis unmöglich. Andererseits, wie kann ich ihm die Tücken des naturalistischen Fehlschlusses erklären? Relativ einfach!

Nur eben relativ, den in letzter Konsequenz bedeutet es, sich von der Illusion des ‚Ich‘ zu verabschieden. Aber auch das kann ich logisch erklären. Mittlerweile sieht das auch die Quantenmechanik so, wenn auch vielfach wiederwillig, denn das bedeutet, auf die eigene Besonderheit zu verzichten. Exakt das, wozu die Nazis nicht bereit waren.

Einstein hat es so ausgedrückt: „Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum nenne, ein in Raum und Zeit begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle als abgetrennt von allem anderen – eine Art optische Täuschung des Bewusstseins. 

Diese Täuschung ist für uns eine Art Gefängnis, da sie uns auf unsere eigenen Vorlieben und auf die Zuneigung zu wenigen Nahestehenden beschränkt. 

Unser Ziel muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir den Horizont unseres Mitgefühls erweitern, bis er alle lebenden Wesen und die gesamte Natur in all ihrer Schönheit umfasst.“

Obwohl er sich da möglicherweise selbst widerspricht, denn es handelt sich hier, wie er selbst sagt, um eine (gedankliche!) Täuschung, also in der Struktur des Denkens. Beseitige ich diese Täuschung, weiter sich der Horizont des Mitgefühls ganz von selbst, ohne dass ich etwas ‚tun‘ müsste.