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Weihnachten, anders betrachtet

Es ist schon die Frage, weshalb es gerade nach Weihnachten, dem Fest des Friedens, so viele neue Scheidungsverfahren gibt.

In meinem Beruf als Rechtsanwalt habe ich nach den Feiertagen nie Urlaub genommen. Ich wollte mir doch nichts entgehen lassen!

Für Rechtsanwälte, die sich auf das Familienrecht spezialisiert haben, dürften die Feiertage in erster Linie dazu genutzt werden, sich mental auf den bevorstehenden Ansturm an Scheidungsverfahren vorzubereiten.

Jedes Jahr aufs Neue zeigt sich besonders in den zwei Monaten nach Ostern im Mai und Juni sowie nach Weihnachten im Januar und Februar ein deutlicher Zuwachs der Scheidungsverfahren.

Nicht viel anders ist es gerade im Augenblick. Auch die Covid-19-Pandemie hat einen deutlich spürbaren Effekt auf die Scheidungsrate, wobei hier die Gründe etwas anders gelagert sind. Aber im Kern ist es das selbe Thema.

An Weihnachten und Ostern wird deutlich, dass hier eine Illusion inszeniert wird, die der Wirklichkeit nicht standhält. In der aktuellen Covid-19-Pandemie geht es unmittelbarer zu. Viele ertragen die Nähe des anderen nicht mehr.

Das passiert dann, wenn die Begegnung (scheinbar) nur ‚auf Zeit’ möglich ist. Warum vertragen so viele Menschen die Nähe des anderen nicht oder nicht mehr? Ich denke, die Antwort findet sich nicht in konkreten Fragen, wer den Müll rausbringt oder wer den nächsten Einkauf macht, sondern in unserer Lebensweise.

Wir erliegen einer Täuschung, doch genau diese Täuschung ist den wenigsten bewusst. Wenn sie uns aber nicht bewusst ist, dann leben wir in einer Illusion. Wie sagte doch Albert Einstein? 

Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins.

Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen.’

Das und nichts anderes ist das eigentliche Problem, das wir zu sehen lernen müssen. Weder Weihnachten noch Ostern sind das Problem, im Gegenteil, sie machen es uns nur noch bewusster, dass wir oft nicht einmal bei uns nahestehenden Menschen die Nähe erleben, die wir uns wünschen.

Denn wenn ich zu einigen Menschen Verbundenheit lebe, zu anderen aber nicht, bin ich ein Mensch, der gegen seine eigene Natur lebt. Das mag man glauben oder auch nicht.

Effektiver ist es, dies einmal logisch zu ergründen, aber nicht bei anderen, sondern bei sich selbst.

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