Weder Gute noch Böse

Sondern gut und böse, eben Menschen. In einem Weltverständnis, in der wir alles als getrennt ansehen, ist das ein schwer verständlicher Gedanke. Menschen sind letztlich gut, böse oder was dazwischen, aber es gibt „den“ Guten oder „den“ Bösen nicht, es sind alles Menschen. Doch damit ist nichts gut, denn Menschen können sich eben gut oder eben böse verhalten.

Zu akzeptieren, dass das alle betrifft, wirklich alle, bedeutet leider auch, dass es mich selbst genauso betrifft. Auch ich kann gut und böse sein. Kommt eben darauf an, was gerade in mir ausgelöst wird beziehungsweise, was in mir ausgelöst werden konnte. Aber wer mag das schon gerne hören?

Mich hat die Konfrontation mit der Tatsache, was mein Vater im sogenannten Dritten Reich gemacht hat, erst einmal in die Phasen der Trauerarbeit gestürzt, denn etwas war regelrecht in mir gestorben, eben der Glaube an meinen Vater (und an die Illusion einer glücklichen Kindheit). Es hat lange gedauert, bis ich das wenigstens sehen konnte. Das auch zu akzeptieren dauerte, es zu verstehen noch länger.

Erfreulicherweise blieb ich nicht in der absolut wichtigen Erinnerungskultur stecken, sondern begann mich bald zu fragen, was mein Vater konkret getan hat. Ich bin Jurist, also wollte ich ihm mit Fakten und nicht mit Indizien begegnen. Ich hatte das Glück, dass ich Fakten überhaupt finden konnte. Da die Tatsache seiner Taten jetzt nicht mehr zu bestreiten waren, machte ich mich oder konnte ich mich endlich aufmachen um herauszufinden, was ihn dazu bewegt hat.

Letztlich war das – für mich – eher ein Schlüssel zu mir selbst. Indem ich seine Verführbarkeit erkannte, konnte ich meine eigene wahrnehmen. Dabei geht es nicht um den Inhalt des Denkens, sondern um die Form des Denkens, die Struktur. Falle ich oder ein anderer auf einen naturalistischen Fehlschluss herein, dann mag der Inhalt unterschiedlich sein, doch die Form, die Struktur ist identisch. Der Fehlschluss verdreht eben Wertansicht und Wirklichkeit; ich hatte nur das Glück, dass die Umstände, in denen ich lebe nicht solche Folgen hatten wie damals bei meinem Vater.

Wenn die Umstände drastisch sind, braucht man eine sehr gute Bremse, um sich noch rechtzeitig „ausbremsen“ zu können. Diese Bremse nenne ich Ethik und Moral sowie Selbstverständnis. Dazu später. Wichtig ist, dass ich – im Gegensatz zu meinem Vater  – nicht so stark bremsen musste, einfach weil ich in anderen Zeiten gelebt habe. Wenn ich früher eine noch brennende Zigarettenkippe aus dem Auto geworfen habe, wusste ich meist auch nicht, wo sie landet. Es war einfach Glück, wenn nie etwas passierte. Und genau so verliefen auch meine Fehlschlüsse ohne dramatische Folgen.

Wenn ich hier angekommen bin, dann kann ich mir überlegen, wie ich mir gute gedankliche Bremsen einbauen kann. Erforderlich ist dafür, dass ich zwischen Inhalt und Struktur beziehungsweise Form sauber unterscheiden kann. Entscheidend ist die Form, nicht der Inhalt! Der Inhalt ist Fakt, aber die Form bleibt, bis ich sie ändere und produziert damit weiter Inhalte, die ich vielleicht gar nicht will. Aber ich weiß nicht, weshalb sie entstehen, daher kann ich sie auch nicht verhindern. Ich habe eben keine Kontrolle über das Entstehen der Inhalte.

Was ich jedoch kann, das ist die Form ändern, nicht von heute auf morgen, aber mit einer konsequenten Haltung. Doch dazu muss ich erst einmal die Form meines Denkens wahrnehmen können. Wie gesagt, die Form, nicht die Inhalte.