Was mich ausmacht

Propriozeption, einmal anders betrachtet. Auf der körperlichen Ebene kennen wir alle den sogenannten sechsten Sinn, die Propriozeption. Ohne ihn könnten wir uns kaum bewegen, denn das machen wir vollkommen nicht bewusst. Wir setzen vielleicht das Ziel, aber der Weg dorthin, das ist das Geheimnis unseres Körpers.

Im Grunde ist es kein Geheimnis, denn unser Körper weiß genau, was er tun muss, damit „es“ so funktioniert, wie es erforderlich ist. Spezielle Rezeptoren in Muskeln und Gelenken vermitteln uns Informationen über Bewegungen, Haltung und die Position unseres Körpers im Raum: Diesem „Tiefensensibilität“ genannten Sinn verdanken wir, dass wir uns überhaupt bewegen können.

Propriozeption gibt es in allen Lebensebenen. Ich beobachte sie gerade auf der emotionalen Ebene bei meinem fünfjährigen Enkel. Der nutzt sie ganz selbstverständlich, weil er noch keine psychologischen Verhaltensmuster „gelernt“ hat. Auch hier sieht man ganz klar, wie sehr wir uns regelrecht hinter Methoden und Konzepten verstecken, statt in wortloser und nicht ausdrückbarer Komplexität zu denken. Da hat mir mein Enkel wirklich etwas beigebracht. Die emotionale Dynamik, die er erlebt und wahrnimmt, „versteht“ er in unserem üblichen Verständnis überhaupt nicht, aber er erfasst sie sehr wohl perfekt und ist auch in der Lage, angemessen darauf zu reagieren.

Angefangen habe ich diesen Text in Gedanken ganz woanders, nämlich bei der Propriozeption im Denken. Darüber wollte ich schreiben. Ich hatte mir überlegt, wie wir beim Denken die erforderlichen Informationen erhalten, entsprechend den Rezeptoren bei der körperlichen Propriozeption. Doch der Exkurs in die emotionale Propriozeption hat mich auf den Gedanken gebracht, ob es vielleicht eher darum geht, nicht nach Rezeptoren zu suchen, sondern sie ganz einfach anzunehmen, dass sie da sind, so selbstverständlich wie das auf der körperlichen und offensichtlich auch auf der emotionalen Ebene der Fall ist?

Davor Bohm war es ja, der den Begriff der „gedanklichen Propriozeption“ geprägt und darauf sein Verständnis eines Dialogs aufgebaut hat. Genügt es also, einfach nur die Regeln des Dialogs anzuwenden und den Rest einfach geschehen zu lassen? Wenn das so ist, dann geht es natürlich nicht „einfach so“, da gehört dann schon etwas dazu, nämlich den gewohnten Raum zu verlassen und etwas nicht zu tun, nämlich nicht in Konzepten und Modellen zu denken.

Das ist einer der Fälle, vielleicht der wichtigste überhaupt, weshalb es Regeln braucht, um Regeln überwinden zu können. Wie sagt doch Jiddu Krishnamurti in Vollkommene Freiheit? „Für die meisten von uns besteht die Schwierigkeit darin, daß uns unsere Fluchtwege nicht bewußt sind. Wir sind so gebunden, so gewöhnt an unsere Fluchtwege, daß wir sie für das Wirkliche halten.

Also habe ich die Wahl: Entweder, ich definiere mich über Konzerte und Modelle und „weiß“ dann, was mich ausmacht, oder aber ich suche mich mit spezifischen Konzepten und Modellen aus gedanklichen Konzepten und Modellen zu lösen, bis ich sie komplett aufgeben kann. Beim Motorradfahren gelingt mir das sehr oft. Man nennt das dann Flow. Aber auch da musste ich erst einmal über Modelle und Konzepte hinkommen.

Es klingt wirklich paradox, obwohl, genau genommen ist es das: Erst wenn ich nicht mehr weiß, was mich ausmacht, kann ich der sein, der ich bin, bin ich also das, was mich ausmacht. Je weniger ein anderer sagen kann, was oder wer ich bin, desto besser, denn dann kann er nur beschreiben, was er sieht. Und das wäre wirklich perfekt. Nur muss ich das erst einmal selbst hinbekommen, keine Vorstellung mehr von mir zu haben.