Was lässt Menschen „Unmenschliches“ tun?

Wer kann darüber besser schreiben oder reden, als der Nachfahre eines Nazis? Auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen, sind wir doch vielfach wie unsere Eltern. Die Antwort auf die Frage, was Menschen dazu bringt, ihre Menschlichkeit aufzugeben finde ich in mir selbst – wenn ich bereit bin, mich dem zu stellen.

Es klingt verdreht, aber ist das nicht die Chance, die es zu nutzen gilt? Im Gegensatz zu manchen anderen habe ich das Böse kennengelernt – in meinem Vater – und in seinen Söhnen. Über meinen Bruder schreibe und rede ich nicht, aber über mich.

Das „Dritte Reich“ unter dem Gesichtspunkt des Schrecklichen und Bösen zu sehen verstellt den Blick auf das Wesentliche, nämlich die Tatsache, dass ganz normale Menschen zu solchen Handlungen fähig waren und noch immer sind.

Hitler war sowenig wie Putin es heute ist der alleinige Drahtzieher. Es ist ein komplexes Geschehen, das hier sichtbar wurde und wieder wird.

Der Hass gegen alles Russische, der mit dem Ukrainekrieg aufgekommen ist, lenkt ab zu sehen, dass das Menschen sind, genauso wie in der Zeit des Nationalsozialismus und lenkt damit von der Frage ab, was Menschen anders handeln ließe.

Wenn ich mir jedoch diese Frage stelle, muss ich mich auch der Frage stellen, was mich anders sein ließe. Mein Vater war ein ehrenwerter, anerkannter Mensch, ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft – und ein Nazi, ein Arzt, der Versuche an Menschen praktiziert hat, ein Mensch, der die ethischen Prinzipien des Arztes aufgegeben hat und zum Mörder wurde.

Als sein Sohn muss ich mir daher die Frage stellen, was mich davon abhalten kann, mich nicht gleichermaßen von der Macht verführen zu lassen und meine Menschlichkeit zu verraten.

Mein Vater hat als Arzt der Hippokrates-Eid geschworen – und verraten. Was sollte mich also davon abhalten, meine ethischen Grundsätze nicht gleichfalls aufzugeben, wenn die Situation es „erfordert“?

Meiner Ansicht nach genügt es nicht, mir ethischer Grundsätze wie „Menschlichkeit“ bewusst zu sein, ich muss sie auch leben, so wie Ueshiba Morihei, der Begründer des Aikido.

Ich „lerne“ Aikido nicht,  indem mir die die Prinzipien erklärt werden; lernen kann ich es nur, indem ich diese Prinzipien am eigenen Leib erfahre und erlebe, sie also selbst erkenne. Wie Ueshiba Morihei, der als Samurai wusste, von was er sprach. Was aber noch nicht bedeutet, dass ich sei lebe, erst einmal kenne ich sie nur.

Menschlichkeit lerne ich nicht, indem ich mich als Mensch unter Menschen erlebe und erfahre. Dazu braucht es die unmittelbare Rückmeldung, die oft fehlt. Ich habe mich vor einiger Zeit mit einer Aikido-Trainerin unterhalten die meinte, dass manche den Kern des Aikido nicht erkennen und nicht begreifen, sondern nur die Technik lernen. Sie verstehen es einfach nicht.

Das wirft die Frage auf, der ich mich stellen muss: Habe ich Menschlichkeit erkannt? Lebe ich sie wirklich? Kann ich das überhaupt, solange ich vielleicht noch in einer Wirklichkeit lebe, die tatsächlich ganz anders ist, als ich sie mir vorstelle?