Was ist noch real?

Was tun, wenn man den festen Boden unter den Füßen verliert? Obwohl, genau genommen verlieren wir den ja nicht, nur die Überzeugung, der Boden wäre fest, auf dem wir stehen. Die moderne Physik entfernt sich – wieder einmal – noch weiter von unseren Alltagsvorstellungen. Die technischen Details erspare ich mir hier, die kann man ja überall nachlesen. Nur sollten wir sie nicht nur lesen, sondern auch ernst nehmen. Denn das hat ganz konkrete Konsequenzen über die Welt und vor allem über mich selbst.

Wenn wir bisher dachten, es gäbe eine objektive wahrnehmbare Welt, dann stimmt das nicht, stimmte noch nie. Also sollten wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass alles subjektiv ist. Was einerseits bedeutet, dass ich mir nicht mehr sicher sein kann, ob der Herr M. wirklich ein Depp ist, denn wenn diese Feststellung subjektiv ist, dann heißt das ja, dass ich damit vollkommen falsch liege. Also werde ich mit meinen Urteilen über andere Menschen sehr, sehr vorsichtig.

Was ja nicht schlecht ist, andere nicht zu beurteilen und nicht über sie zu urteilen, das erspart einem schon einmal eine Menge Ärger. Der muss ja erst einmal in mir selbst entstehen, sonst kann ich mich ja nicht ärgern. Das ist eine der Erkenntnisse, zu der mir in letzter Konsequenz die moderne Physik geholfen hat. Früher war es nicht so einfach, mich nicht über andere zu ärgern, doch seit ich das subjektive Prinzip begriffen und auch akzeptiert habe, bin ich mir bewusst, dass ich mich selbst schädige, wenn ich mich über andere ärgere. Also lasse ich es (möglichst, immer gelingt es mir noch nicht).

Sich nicht aufzuregen hat meines Erachtens nach nichts mit Stoizismus zu tun. Die Stoiker glaubten, im Gegensatz zu den Epikureern, deren überzeugte Gegner sie waren, an das Schicksal. Weisheit besteht ihrer Ansicht nach darin, den Platz zu akzeptieren, der einem im Universum zugewiesen ist, und in Harmonie mit der Natur zu leben, indem man sich, durch die Ausübung von Tugend und die Zurückweisung von Leidenschaften, um seinen Körper und seine Seele kümmert. Und so weiter und so fort. Daran erkennt man, dass hinter dem Stoizismus noch etwas ganz Wesentliches steht: Ein Weltbild und damit ein Selbstverständnis.

Unser tradiertes Weltbild im sogenannten christlichen Abendland beschreibt nicht das Christentum (allenfalls die Moral und Ethik), tatsächlich entspricht es der Physik, auch wenn uns das nicht unbedingt bewusst ist. Das zeigt sich vor allem in unserer Sprache. Ich kenne eine Menge Menschen, die gutes Hochdeutsch sprechen, dabei allen Ernstes behaupten, sie hätten von Physik absolut keine Ahnung und damit wirklich nichts am Hut. Was aber so nicht stimmen kann, denn unsere Sprache nutzt genau die selben Regeln, nach oder mit denen auch die klassische Physik ‚funktioniert‘. Da haben uns die Menschen im asiatischen Sprachraum einiges voraus, deren Sprache orientiert sich an der Kultur – und nicht umgekehrt.

Ein großer Unterschied zu vielen anderen Sprachen ist, dass beispielsweise Japanisch als Sprache nicht losgelöst von der Kultur des Landes betrachtet werden kann. In Japan ist Sprache jedoch mehr als eine reine Kommunikationsform. Die Poesie ist beispielsweise sehr wichtig und die geschichtlichen Traditionen spielen für die japanische Sprache stets eine große Rolle. Und die Kultur ist in Japan nun einmal vom Zen-Buddhismus geprägt. Was viel mit der modernen Physik zu tun hat. Die ist tatsächlich mit Zen kompatibel, ganz ähnliche Strukturen. Mit anderen Worten: Das Weltbild des Zen und das der Quantenphysik kommen sich sehr nahe.

Aber zurück: Was ist real? Mittels modernster Quantumtechnologie stellten Wissenschaftler fest, dass Quantenmechanik unvereinbar mit der Annahme objektiver Fakten sein könnte. Das müssen wir uns merken, ist doch die grundlegende Aussage des Experiments revolutionär, die Objektivität als Konzept in Frage stellt. Vor allem in Zeiten von alternativen Fakten könnten selbst Laien etwas mit der mysteriösen Welt der Quantenmechanik anfangen. Das bedeutet nämlich nicht, dass man denken und meinen darf, was man möchte, sondern dass man mit dem, was man denkt und glaubt sehr, sehr vorsichtig umgehen sollte. Denn so unwahrscheinlich es auch klingen mag, genau das ist ganz offensichtlich die Realität, in der wir leben.

Natürlich funktioniert das nicht so, dass der Herr M. (Sie wissen schon, der von oben) ein netter Mensch wäre, wenn ich so denke. Nein, so funktioniert das nicht, denn ich muss es wirklich denken, also implizit, das heißt auch, wenn ich nicht bewusst darüber nachdenke. Das ist dann ‚meine‘ Realität. Frage ich mich also, was eigentlich real ist, dann sollte ich erst einmal in meinen Gedankenspiegel schauen, denn das ist meine Basisrealität, von der ich erst einmal ausgehe. Lasse ich mich darauf ein, dann werde ich merken (also mir ging es so), dass sich der andere erst einmal in meiner Wahrnehmung veränderte. Was wiederum ganz offensichtlich bei ihm selbst Änderungen hervorrief.

Realität hat also wesentlich mehr mit mir zu tun, als ich bisher wohl dachte. Dieses unbekannte Terrain gilt es also zu erforschen.