Wahrnehmung verstehen

Was wir wahrnehmen, leben wir regelrecht. Sagen wir „Hammer“, setzen wir den Begriff körperlich in uns um. Wir stellen uns einen Hammer nicht nur vor – sonst könnten wir ja nicht über ihn nachdenken oder sprechen –, sondern der Begriff beeinflusst auch unsere weitere Wahrnehmung.

Das Gehirn analysiert nicht nur den Klang des Wortes „Hammer“, sondern auch alle möglichen Vorstellungen über den Gebrauch eines Hammers – und bereitet damit das dem entsprechende Verhalten vor. Was mittlerweile hinlänglich untersucht ist. Der für Bewegung zuständige Bereich des Gehirns wird in dem Moment aktiv, wenn wir etwa das Wort „Hammer“ hören. Oder „schwer“. Oder „Problem“.

Alleine mit dem Hören eines Wortes ist der gesamte Raum der Möglichkeiten in unserem Denken existent, was man, um bei dem Beispiel zu bleiben, mit einem Hammer alles tun kann. Deshalb beeinflussen Frames – nicht nur in der Politik – unser Denken und unser Handeln und nicht nur, wie viele noch immer glauben, „nur“ unsere Sprache.

Das gesamte motorische System bis hin zu den Muskeln wird über die neuronalen Schaltkreise in Aktionsbereitschaft versetzt. Höre ich den Begriff „Angriff“, gehe ich selbst automatisch und ohne, dass mir das in der Regel bewusst wäre, in den Verteigungs- oder Gegenangriffsmodus, es sei denn, ich stelle mich lieber gleich tot und sage nichts. Höre ich beispielsweise das Wort Asylsuchender, wird alles, was damit in Zusammenhang steht, in meinem Gehirn aktiviert – und damit auch in meinem Körper. Habe ich ein Problem mit Asylsuchenden, wird sich mein Muskeltonus verhärten, ich werde angespannt. Sieht man leicht in meinem Gesicht.

Ein Asylsuchender bleibt, muss integriert werden, kann (meist) erst einmal die Sprache nicht und und und. Eine Menge Probleme. Was ein Asylsuchender ist, ist jedoch – für mich – gesetzlich geregelt. Ein Wirtschaftsflüchtling ist etwas ganz anderes. Es macht also in meinem Denken und meiner Handlungsbereitschaft einen enormen Unterschied, worum es geht: Asylsuchender oder Wirtschaftsflüchling. Gebrauche ich die Begriffe nicht korrekt, aktivieren ich einen nicht stimmigen Frame und löse damit einen nicht stimmigen Prozess in mir aus. Ein Asylberber ist ja ein Mensch mit ganz anderen Interessen als ein Flüchtling, ein Migrant oder ein Wirtschaftsflüchtling.

Ein Asylbewerber muss integriert werden, ein Flüchtling braucht Schutz, bis er wieder in sein Heimatland zurück kann. Ganz andere Anforderungen. Ist es ein Wirtschaftsflüchtling, dann stellt sich die Frage, wie wir dem Land helfen können, etwa indem wir es nicht weiter ausbeuten. Durch die klare Differenzierung aktiviere ich ganz unterschiedliche Frames und damit ganz unterschiedliche Denk- und Handlungsmodi.

Genauso ist es, wenn ich davon spreche, dass ein Konzern etwas tun müsste. Etwas völlig anderes ist es hingegen, wenn ich davon rede, dass Menschen in einer bestimmten Position etwas tun müssten. Da werden völlig unterschiedliche Frames aktiviert. Oder ob ich müsste oder müssen sage. Da werden ganz andere Frames aktiviert!

Entscheidend ist, ob ich mir bewusst bin, dass es Konzerne in der Realität tatsächlich nicht gibt, sie gibt es ja nur als juristische Konstruktion und sie sind so wirklich wie eine „juristische Sekunde“ – nämlich gar nicht, nur ein Gedankenkonstrukt, das es in der Realität jedoch überhaupt nicht gibt.

„Begriffen“ habe ich das in der Auseinandersetzung mit der Aktivität meines Vaters im Nationalsozialismus. Es ist nämlich etwas völlig anderes, ob ich mich mit „den Nazis“ und „dem Nationalsozialismus“ beschäftige – oder mit dem Tun einer konkreten Person. Rede ich über den Nationalsozialismus, macht mich das nur wütend, rede ich hingegen über den Menschen, der etwas getan hat, in diesem Fall also mein Vater, dann überlege ich, was er gedacht haben muss, das er zu solchen Taten fähig war. Das ist die Voraussetzung, um mich fragen zu können, ob ich nicht genau die selben gedanklichen Fehler mache wie er.

Verwenden wir einen unzutreffenden Begriff, aktivieren wir einen unzutreffenden Frame und damit eine unzutreffende Handlungsbereitschaft. Spreche ich über einen Konzern, aktiviere ich wahrscheinlich den Frame „da wird ja doch nichts gemacht!“, spreche ich hingegen über den Menschen, der etwas tun kann, dann aktiviere ich den Frame „wie könnte ich den erreichen?“. Oder ich mache wieder einen anderen Frame auf und frage mich, wie ich den konkret erreichen kann.

Es gibt also eine direkte Verbindung zwischen der Verwendung von Begriffen und dem, was wir tun. Hat die Psychologin und Linguistin Shirley-Ann Rueschemeyer herausgefunden. Sprache und Handlung darf man also nicht getrennt betrachten, sondern letztlich als zwei vernetzte und ineinander verzahnte Gehirnbereiche – nicht wirklich voneinander zu trennen.

Auch Begriffe wie „Begriff“ oder „Begreifen“ haben ganz klar einen körperlichen Bezug. Etwas verstanden zu haben gaukelt uns vor, wir hätten das, worüber wir sprechen, erfasst, also begriffen. Was aber meist ein fataler Irrtum ist. Theoretisch kann ich viel wissen, etwas anderes ist es, ob ich auch praktisch anzuwenden weiß. Daher suche ich nicht mit dem Frame zu arbeiten, dass, habe ich etwas verstanden, ich es auch schon praktisch begriffen hätte. Das ist eben erst einmal leider nicht der Fall. Wenn ich etwas das erste mal höre, habe ich (hoffentlich) nur den Frame für die Aufnahme expliziten Wissen aktiviert.

Frames sind fraglos wichtig, wenn ich handeln muss. Will ich jedoch nachdenken oder mich mit jemandem über etwa austauschen, dann sollte ich doch lieber in den (wirklichen) Dialogmodus gehen und ohne klar definierten Frame zuhören, also offen zuhören.