Vom Wir zum Ich

Der Paradigmenwechsel, zu dem ich bereit sein muss. Ein lebendiges System wie etwa ein Vogelschwarm ist wunderschön anzuschauen, man kann auch beschreiben, was ‚er‘ tut oder macht, aber wenn man es soweit es überhaupt möglich ist zu erklären sucht, weshalb der Schwarm sich so oder so verhält, muss man das Handeln und Verhalten des einzelnen Tiers betrachten.

So ist es auch bei vielen gesellschaftlich relevanten Themen. Da wird dann gerne die Politik bemüht, die etwas machen müsse, wobei jedoch verkannt wird, dass „Politik“ allenfalls indirekt in gesellschaftlich relevante Prozesse eingreifen kann; doch handeln müssen am Ende die Zuständigen – und das sind keine Gremien, sondern immer Einzelne, die handeln müssen – oder es einfach lassen. Politik steht in Anführungszeichen, denn auch die Politik macht nichts, sondern die jeweils Zuständigen und Verantwortlichen.

Worum es auch geht, man muss sich immer wieder bewusst machen, dass der Einzelne handelt, aber nie eine Gruppe und auch kein abstrakter Begriff wie Wirtschaft oder Gesellschaft. Das scheint nur so zu sein. Es ist wichtig, sich dessen immer wieder bewusst zu machen und auch zu sein. Natürlich kann man im Gespräch vereinfachend von dem Handeln einer Gruppe sprechen, doch man muss aufpassen, dass man nicht von der Gruppe sprechen darf, die sich ändert müsste – sondern von dem einzelnen Handelnden, der allein sich ändern kann. Eine Gruppe ‚ändert‘ sich nur, wenn sich deren Mehrheit entsprechend ändert.

Diese „Dynamik“ kennen wir übrigens vom Fußball: Gewinnt die eigene Mannschaft, haben „wir gewonnen“, verlieren sie jedoch, dann haben „die verloren“! So einfach ist das, einfach einmal die Position ändern – und schon kann man das Gute für sich reklamieren, das Schlechte aber weit von sich weisen. Nicht anders ist es bei der Betrachtung der Zeit des Nationalsozialismuses. Emotional basierte Perspektiven auf die Rollen unserer nahen Verwandten prägen unser individuelles historisches Bewusstsein, das kognitive Wissen von Geschichte bleibt hingegen von ihm getrennt. Betroffene Verwandte werden regelmäßig zu Opfern des Systems erklärt, so als hätten sie nicht anders handeln können.

Darüberhinaus blendete die gesellschaftliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus über Jahrzehnte die Täter, Mitläufer und Zuschauer als Teil der Gesellschaft aus – und tut es vielfach noch immer. In der Wahrnehmung vieler verschwanden die nationalsozialistischen Täter und ihre Massenverbrechen hinter abstrakten Begriffen wie „Katastrophe“, „Gewaltherrschaft“ oder „Barbarei“. Man distanzierte sich damit von den begangenen Verbrechen, ohne die beteiligten Personen – Opfer wie Täter – und die Orte der Verbrechen konkreter beleuchten zu müssen. Ein Prozess der Abstrahierung und Entwirklichung setzte ein.

Und deswegen ist es so wichtig, sich nicht hinter Begriffen zu verschanzen und in der Regel auch von sich selbst und nicht von „wir“ oder „man“ zu sprechen. Es ist tatsächlich hilfreich, die Dinge persönlich zu nehmen.