Verstehen

Ich muss einen anderen erst einmal verstehen, will man ernsthaft miteinander reden. Doch das bedeutet keinesfalls, einverstanden oder der selben Ansicht zu sein. Nur warum muss ich das immer dazu sagen? Sagt ich nur, dass ich einen anderen verstehe, wird das gleich dahingehend interpretiert, dass ich das selbst auch meinen würde.

Doch warum ist das so? Es ist so, weil ein fragmentiert denkender Mensch es als einen Angriff auf sich selbst versteht, wenn man eine Ansicht oder Meinung versteht, die er selbst nicht nachvollziehen kann. Alles, was er als ‚falsch‘ ansieht bedeutet für ihn einen Angriff und deshalb versucht er oder sie die andere Meinung auch nicht nachzuvollziehen. Es ist ein Angriff auf ihn selbst, da er sich mit oder über seine Ansichten und Überzeugungen definiert.

Was natürlich die Frage aufwirft, weshalb man nicht fragmentiert denken, reden und handeln soll? Oder gar darf? Dazu ein Gedanke von David Bohm: „Ich denke, die Schwierigkeit ist diese Fragmentierung. Alles Denken ist in Teile zerlegt. Wie diese Nation, dieses Land, diese Industrie, dieser Beruf und so weiter… Und sie können sich nicht treffen. Das kommt daher, dass das Denken sich traditionell so entwickelt hat, dass es behauptet, nichts zu bewirken, sondern nur zu sagen, wie die Dinge sind. Deshalb können die Menschen nicht sehen, dass sie ein Problem schaffen und dann scheinbar versuchen, es zu lösen… Ganzheitlichkeit ist eine Art Haltung oder Ansatz für das ganze Leben. Wenn wir eine kohärente Einstellung zur Realität haben, wird die Realität kohärent auf uns reagieren.“

Aber nicht nur David Bohm denkt so, auch Einstein; Heisenberg, Schrödinger, Pauli oder Dürr, um nur einige zu nennen. Nur warum denken sie so? Das ist die wichtige und entscheidende Frage. Um beantworten zu können, welche Perspektive die richtige ist, müsste ich wissen, was Realität ist. Nur mein Verständnis der Realität ist abhängig von meiner Perspektive, meinem Weltverständnis. Wir lachen heute über die Menschen, die früher glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Nur können wir sicher sein, dass spätere Generationen nicht genauso über uns lachen werden?

Mit welcher Haltung kann ich der Situation gerecht werden, dass ich nicht wissen kann, ob meine Ansicht zutrifft, aber auch nicht in Beliebigkeit abdriften will? So würden pyrrhonische Skeptiker nie behaupten, alles sei relativ, denn das wäre eine absolute Behauptung und widerspräche sich selbst. Also sagen sie, es scheint relativ zu sein. Was ja durchaus richtig ist, wissen wir doch, dass das, was wir wahrnehmen, nur eine Interpretation des Vorhandenen ist – eine logische Schlussfolgerung aus der Erkenntnis des Doppelspaltversuchs.

Daher orientiere ich mich an dem, was die Quantenmechanik wissenschaftlich und nachvollziehbar – nicht nur gedanklich, sondern auch im Experiment – dargestellt hat. Das ist die Basis, auf der ich gedanklich stehe, wovon ich ausgehe. Natürlich ganz vorsichtig. Die Quantentheorie zeichnet sich durch spektakuläre empirische Erfolge aus. Gleichzeitig ist bis heute höchst strittig, wie sie sich auf Dinge und Eigenschaften in der Welt bezieht. Also mache ich an der Stelle halt, wo es keinen breiten Konsens gibt. Etwa bei der Frage, was ‚137‘ bedeutet. Oder ist.

Ich weiß zwar, dass es das Phänomen ‚137‘ gibt, ignoriere es nicht, glaube aber auch nicht, dass ich es verstanden hätte. Genauso wie ich verstanden habe, dass wir Menschen komplex organisierte Lebewesen sind, auch alle Tiere, Vögel, Fische, Insekten und was sonst noch so herum kreucht und fleucht – nur bei Steinen sage ich zu mir ‚Stop‘. Es ist für mich logisch, dass sie genauso aufgebaut sind wie Lebewesen, nur kann ich mir nicht vorstellen, was das bedeutet. Noch nicht. Ich übe bei meinem Schreibtisch, denn die Bretter, aus denen er besteht, waren ja mal lebendige Bäume. Dass Pflanzen auf ihre Art denken steht für mich fest, sonst könnten sie sich nicht spontan (!!) vor Schädlingen schützen.

Dass wir äußerlich mit allem verbunden sind, ist für mich ein Fakt. Dass wir auch innerlich mit allem verbunden sind, das weiß ich, seit einiger Zeit habe ich das auch kapiert, doch es fällt mir noch schwer, meine Gedanken und vor allem meine Handlungen daran zu orientieren. Also habe ich es noch nicht vollständig verstanden, etwas sperrt sich noch dagegen. Verstehen ist das inhaltliche Begreifen eines Sachverhalts, das nicht nur in der bloßen Kenntnisnahme besteht, sondern auch und vor allem in der intellektuellen Erfassung des Zusammenhangs, in dem der Sachverhalt steht – womit ich die Fragmentierung wieder ein Stück weit aufgebe.

Indem ich die Ansichten anderer verstehe, wirklich verstehe, gebe ich meine eigene Fragmentierung insoweit auf, Stück für Stück. Daher uche ich andere ernsthaft zu verstehen, sozusagen in ihre Köpfe einzudringen. Nicht um sie zu manipulieren, sondern um ihr Denken zu erfahren, dann komme ich mir selbst näher, weil ich meine eigene Fragmentierung überwinde. Erst, wenn ich das hinbekomme, kann ich meine eigenen Ansichten und Meinungen über das Thema ‚auspacken‘, aber nicht argumentierend, sondern dialogisch. Denn nur das gibt dem anderen die Möglichkeit, seinerseits meine Gedanken zu verstehen.

Und genau das verändert etwas. Argumentiere ich, ‚kämpfe‘ ich in Gedanken mit dem anderen, bin ich in einem wirklichen Dialog, dann verbinde ich mich mit ihm. Das, was ich denke, ‚macht‘ ja etwas mit mir, bewirkt etwas in mir und sagt nicht nur, wie die Dinge sind.