Verbundenheit

Ich bin mit mehr verbunden, als ich dachte. Das wurde mir bewusst, als ich über meine Beziehung zu meinen Eltern nachdachte. Wenn ich mich mit der Vergangenheit meiner Eltern im sogenannten Dritten Reich beschäftige, beschäftige ich mich ja auch mit mir, mit den Auswirkungen, die das auf mich hatte und hat. Zwischen Eltern und Kindern besteht ja eine Verbundenheit der ganz eigenen Art. Oft sieht man als Kind nur das Gegenwärtige, doch das ist zu kurz gedacht, denn ich erbe ja das, was mir die Eltern über Gene, Epigenetik und Erziehung mitgeben – ob ich das nun will oder nicht. Die Frage ist natürlich, wie ich damit umgehe, doch das ändert nichts an der Verbundenheit.

Verbundenheit ist ja nicht zwingend etwas Positives! Aber zurück. Ich fragte mich immer wieder, was mein Vater mir heute wohl auf meine Fragen antworten würde. Aber vielleicht habe ich bisher einfach nur die Antwort übersehen? Wie ich darauf komme? Ich war vor etwas fünf Jahren auf einer Familienaufstellung, in der es vor allem um meine Beziehung zu meiner Mutter ging. Das für mich Beeindruckende war dass die Stellvertreterin meiner Mutter beim Verlassen des Seminarraumes noch etwas aus der Rolle heraus zu mir sagen wollte. Als die Leiterin, die erst einmal etwas skeptisch schaute, das aber nicht verhinderte, sagte die Stellvertreterin – wie gesagt aus der Rolle –, dass sie sich bei mir bedanken wollte, dafür, dass ich so beharrlich recherchiere und nicht wegschaue.

Ich nahm das zur Kenntnis, machte mir aber weiter keine Gedanken darüber, wahrscheinlich, weil das meine Mutter zu Lebzeiten nie zu mir gesagt hätte, jedenfalls kann ich es mir nicht vorstellen. Wie dem auch sei, vor ungefähr zwei Jahren wollte ich wissen, ob meine Karotisstenose auch etwas mit der Geschichte zu tun hatte und stellte es auf. Die Begegnung mit meinem Vater war ausgesprochen freundlich, ja herzlich. Als die Leiterin aber einen Stellvertreter für seine Taten neben ihn stellte, herrschten die mich regelrecht an, warum ich denn nichts finden würde, das sei doch alles dokumentiert. Also machte ich mich auf die Suche und deckte die Geschichte meines Vaters ziemlich vollständig auf. Wäre aber alles schon vorher möglich gewesen, so gesehen war der „Anschiss“ berechtigt.

Das ging mir heute durch den Kopf und ich brachte beide Situationen zusammen. Ich erinnerte mich auch noch an eine frühere Situation in einer Aufstellung, als mein Vater (natürlich in der Person des Stellvertreters) sich warnend mit den Worten „Lass dich nicht verführen!“ an mich wandte. Da ging mir der Gedanke durch den Kopf, ob das genau das war, was meine Eltern von mir wollten, nämlich dass ich das Unheil von damals aufdecke? Ich weiß ja aus meiner eigenen systemischen Ausbildung, dass die Toten oft ganz anders reagieren als Lebende. Kann es nicht sein, dass sie als Tote zu ihren Taten stehen konnten und das Unheil sahen, das das für ihre Söhne und deren Kinder nach sich zog? Es kann ja niemand behaupten, dass weder mein Bruder noch ich und auch keines unserer Kinder ein ganz normales Leben geführt hätten.

Die Lösung für uns, unsere Kinder und deren Kinder besteht darin, dass der, wenn man so will, Fluch endlich beendet wird und die Karten auf den Tisch kommen. Ist aber nicht so lustig, wie es klingt. Je klarer ich die Geschichte meines Vaters vor Augen hatte, desto ruhiger wurde ich witzigerweise. Es kehrte mit der Zeit so etwas wie Frieden bei mir ein. Is gelingt mir immer mehr, der Geschichte gemäß dem Spruch ‚Sine ira et studio‘ zu begegnen, also ohne Zorn und Eifer. Das ist wichtig, denn nur dann kann ich klar sehen, was ist.

Manchmal scheint es so zu sein, dass man seine Verbundenheit mit einem Menschen dadurch zeigt, dass man seine Taten nicht zu verheimlichen sucht, sondern aufdeckt. Das ist die Voraussetzung dafür, verstehen zu können und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen; also nicht in die selben gedanklichen Fallen zu tappen, in denen er sich damals verfangen und sich letztlich schuldig gemacht hat.