Verantwortung

Verantwortung zu tragen – was bedeutet das? Diese Gedanken kamen mir nach einem Gespräch über das sogenannte Dritte Reich. Es ging dabei um die Frage, was die Menschen veranlasst hat, solche – eigentlich – unmenschlichen Dinge zu tun. Sie handelten, ganz offensichtlich, wider jede Moral.

Mit diesen Überlegungen kam ich dann schnell zu der Frage, geht es eigentlich um Vergangenheit oder um Gegenwärtiges? Natürlich geht es um Vergangenes, sofern es um die Erinnerung an das geht, was den Opfern geschah. Opfer, das waren die Geächteten, jedoch nicht die, die sich gerne dafür hielten und halten.

Das wurde mir sehr bewusst, als ich in dem Video über die in Nürnberg angeklagten NS-Täter hörte, wie der eine oder andere sich darauf berief, „verführt“ worden zu sein – statt dass sie zu ihren Taten gestanden hätten. Verführung ist kein Grund, so etwas zu tun.

Verführen bedeutet, jemanden gewaltlos so zu „manipulieren“, dass er etwas tut, was er eigentlich nicht wollte oder sollte, zum Beispiel, sich regelwidrig zu verhalten, sich sexuellen Handlungen hinzugeben, eine Religion anzunehmen, etwas Bestimmtes zu kaufen. Oder einen Massenmord zu begehen. Nicht die Verführung war verantwortlich dafür, dass Adam den Apfel von Eva nahm und hineinbiss, sondern Adams Gier oder Lust nach Eva. Er dachte sich wohl, dass er sie so leichter rumkriegen könnte.

Und damit bin ich in der Gegenwart angekommen. Ich kann nicht verführt werden, wenn ich mir nicht etwas davon verspreche, mich verführen zu lassen. Hat das tragische Folgen, so wie bei den NS-Tätern, dann muss ich die Verantwortung schon behalten und darf nicht versuchen, sie einem anderen in die Schuhe zu schieben. Das gebietet die Ehrlichkeit. Ich selbst – und niemand anderes – ist verantwortlich für das, was ich tue. Auch dass ich mir berufliche Fortschritte oder sonstige Möglichkeiten erhofft habe, ändern nichts daran, es offenbart nur meine Selbstbezogenheit.

Gegen Selbstbezogenheit helfen weder Moral noch Ethik, sondern allein die Erkenntnis dessen, was wirklich ist. Hätte mein Vater erkannt, dass die KZ-Insassen Menschen sind wie er selbst, hätte er keine Versuche an ihnen organisiert. Für die Täter der NS-Zeit waren das keine Menschen, sondern Dinge. So auch ganz offensichtlich für meinen Vater. Und wer darüber jetzt den Kopf schüttelt, der muss sich fragen lassen, ob wir in unserer Gesellschaft andere Menschen niemals als „Dinge“ betrachten würden? Human Resources? Menschen als Ressourcen?

Was ich damit sagen will: Es ist kein „Problem“ der NS-Zeit, sondern ein allgegenwärtiges Thema. Und niemand möge mir mit der Erklärung kommen „Menschen seien eben so“! Nein, Menschen sind nicht so, außer, sie wollen es. Es sind auch nicht „die Umstände“, die dafür verantwortlich sind. Es ist allein die eigene Klarheit der Gedanken, die den Unterschied macht. Und dafür kann man etwas tun.