Unwissenheit

Was ich nicht sehen kann, kann ich auch nicht wissen. Oder verstehen. Da grüßt der Akrasia-Komplex. Es ist schon sehr verwirrend, wie wir Menschen organisiert sind. Verstehen kann man das nicht, aber man kann es sehen. Was zwei Themenbereiche beinhaltet: Einmal die Frage, weshalb wir Dinge tun, die wir nicht tun sollten oder auch nicht tun wollen und zum anderen die Frage, was „zu verstehen“ eigentlich bedeutet. Jetzt aber erst einmal zu dem ersten Thema, dem Akrasia-Komplex.

Unter Akrasia, was Willensschwäche, Unbeherrschtheit, Handeln wider besseres Wissen bedeutet, versteht man den Fall, dass eine Person eine Handlung ausführt, obwohl sie eine alternative Handlung für besser hält. Handeln wider besseres Wissen. Kenne ich gut, habe ich lange Zeit hervorragend geübt. Das Dilemma war nur, ich merkte immer erst hinterher, dass ich „eigentlich“ lieber anders gehandelt hätte.

Hätte ich früher gewusst, was ich heute weiß, dann wäre ich mir selbst mit wesentlich mehr Verständnis begegnet und hätte wahrscheinlich auch vieles nicht getan, was nicht ok war. Eines ist klar: Gegen die eigene Einsicht zu handeln hieße ja, dass ich wissend (!!) etwas Schlechtes tue. Bei solchen Überlegungen hat schon der alte Sokrates den Kopf geschüttelt, denn niemand handele wissend schlecht. Also kann man das nur aus Unwissenheit heraus tun. Dass man es vielleicht wissen könnte hilft auch nicht weiter, denn wenn man es nur könnte, kann man es eben nicht.

Die Frage, ob ich aus Unwissenheit oder fehlender Bewusstheit gehandelt habe, will ich einmal offen lassen. Beides, Wissen und Bewusstheit beziehungsweise Unwissenheit und fehlende Bewusstheit hängen ja unmittelbar zusammen, lassen sich nicht sauber von einander trennen.Theodor W. Adorno hat es etwas mysteriöser mit „Verblendungszusammenhang“ ausgedrückt, der die Schlechtigkeit der Handlung verhülle und einem falsche Bedürfnisse vorgaukle. Das relativiert die Unwissenheit, denn es macht deutlich, dass ich es ändern kann – wenn ich es denn ändern will. Das ist definitiv die Voraussetzung.

Was wiederum voraussetzt, das ich einem anderen das Recht einräume, mir ein ehrliches Feedback zu meinem Verhalten zu geben und ich darauf nicht sofort reagiere. Denn wenn ich das tue, dann sitze ich in der Falle der fehlenden Bewusstheit beziehungsweise der Unwissenheit über das, was ich da tatsächlich tue, aber nicht wissen kann (!!), dass ich es tue. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf ein solches Feedback einzulassen und die Fakten zu ergründen.

Damit komme ich zu dem zweiten Themenkomplex, dem „Verstehen-Wollen“. Will ich etwas verstehen, werde ich es nie verstehen können. Wenn ich den Flow-Zustand einmal genau betrachte, dann ist offensichtlich, dass ich im Flow scheinbar nicht denke. Was manche Menschen vermuten lässt, sie würden da nur „fühlen“. Was aber nicht stimmt, das Gehirn ist im Flow auf höchster Leistung angekommen.

Es ist wie mit den Naturwissenschaften. Einen der namhaften Quantenphysiker, ich meine, es war Niels Bohr, hat einmal festgestellt, dass man die physikalischen Gesetzmäßigkeiten nicht definieren, sondern nur beschreiben kann. Daher ist sein Gedanke, dass jeder Satz, den man äußert, als Frage verstanden werden muss und nicht als Behauptung auch von wirklich elementarer Bedeutung. Das darf ich wirklich nicht vergessen.

Wie aber kommt man aus diesem offensichtlichen Dilemma wieder heraus? Ganz einfach, man fokussiert nur die Dinge, über die man nicht streiten kann, nämlich auf Fakten. Ein Beispiel: Vorhin kam ein Nachbar zu Besuch und meine Frau stellte einen Teller mit Gebäck hin. Als er ging, waren noch zwei Stück da und ich bat ihn, die doch zu essen, dann müsse ich es nicht tun. Seine Antwort, mit leisem Unverständnis gepaart, war, sie doch einfach liegen zu lassen.

Das war es. Also beschäftige ich mich nicht mit der Frage, warum oder weshalb ich sie nicht liegen lasse, sondern mit der Tatsache, dass ich sie lieber essen würde. Und wenn ich es hinbekomme, die Antwort nicht bewusst zu denken, werde ich sie mit der Zeit unbewusst denken können. Ich brauche mich nur wirklich darauf einlassen. Tue ich das, dann wird mir im Sinne von Adorno das falsche Bedürfnis offensichtlich, das hinter der Gier nach Essen steht. Nicht sofort, denn es muss ja einige innere Hürden überwinden, aber mit der Zeit wird es mir offensichtlich werden.

Weshalb ich mir da so sicher bin? Weil ich es in vielen Fällen (leider noch nicht bei meinem Essdrang) exakt so erlebt habe.