Unverständnis

Was ich als Widerspruch erlebe, zeigt mir oft nur mein (noch) fehlendes Verständnis auf. Statt nachdenklich zu werden, reagiere ich leicht ungehalten. Ein elementarer Fehler. Es zeigt sich vor allem in Konfliktsituation, wenn jeder der Konfliktparteien behauptet, im Recht zu sein. Was für einen außenstehenden Dritten selten nachvollziehbar ist, denn das würde bedeuten, beide Seiten im eigenen Denken zu integrieren. Doch was ist die Lösung? Haben beide Seiten ‚irgendwie‘ Recht?

Auf diese Überlegung kam ich – lachen Sie bitte nicht – als ich heute einen Artikel über die Probleme las, die die moderne Physik hat. Die fußt auf zwei Säulen: der Quantenphysik und der Allgemeinen Relativitätstheorie. Von außen betrachtet scheint es so zu sein, als würden beide Richtungen ganz verschiedene Welten beschreiben. Die Quantenphysik dominiert den Mikrokosmos, das Zusammenspiel der kleinsten Objekte, der Atome, Elektronen, Photonen, in der Regel auf kleinsten Distanzen, die Allgemeine Relativitätstheorie hingegen ist für das Große verantwortlich: für Planeten, für Sterne und Galaxien.

Wie gesagt, Fakt ist, sie beschreiben die Welt aus zwei unterschiedlichen Perspektiven – und sind leider nicht in Übereinstimmung zu bringen. Was nicht nur Einstein regelrecht verzweifeln ließ. Er suchte den ‚Fehler‘ in dem Theoriegebäude der Quantenphysik zu finden, was ihm nicht gelang. Mittlerweile ist sie durch unzählige Versuche belegt. Doch der Widerspruch zur Allgemeinen Relativitätstheorie ist geblieben.

Exakt das Gleiche habe ich in meinem Beruf als Rechtsanwalt oft erlebt. Wenn ich meinem Klienten emotional, nicht juristisch (!) Recht gab, fiel es mir immer extrem schwer, die Argumente der Gegenseite nachzuvollziehen, ich war oft wie blockiert. Als ich dann später begann Mediation anzubieten, saß ich oft regelrecht wie belämmert da. Warum? Weil ich beide Seiten verstand! Nur fiel es mir extrem schwer, die Brücke zwischen den jeweiligen Argumentationen zu bauen! Oft war das erst einmal unmöglich, so dass man sich dann doch auf rechtliche Überlegungen reduzierte. Im Recht bekommt man zwar Recht, aber selten Gerechtigkeit.

Rede ich von ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ gibt es immer einen Gewinner und einen Verlierer. Ziehe ich mich gedanklich auf die Position ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ zurück, bedeutet das, dass ich das Ganze (noch) nicht sehen kann. In meiner systemischen Ausbildung habe ich gelernt, dass manchmal A richtig ist, manchmal B, oder auch keines oder aber beides richtig sein kann – oder etwas ganz anderes!

Viele haben im Dritten Reich Dinge getan, die nicht hinnehmbar sind. Das ist das eine. Das andere aber – was absolut nichts relativiert, das darf man nicht übersehen! –, das ist die Frage, was dazu geführt hat, dass der- oder diejenige getan hat, was sie eben getan haben. Es ist eines zu sehen, was Menschen im Dritten Reich anderen angetan haben, etwas anderes ist zu sehen, was dazu geführt hat. Was nicht entschuldigt, das kann ich nicht oft genug betonen. Nur wird das nicht gesehen, kann es in der Zukunft auch nicht verhindert werden.

Was also ist die Brücke zwischen der einen und der anderen Seite? Es finge wohl damit an, dass man zwischen den sichtbaren (bekannten) Handlungen und den (unbekannten) inneren Motivationen unterscheidet und in dem anderen den Menschen sieht – und nicht einen Psychopaten. Ich habe mich immer wieder gefragt, was Menschen derart hassen lassen kann, wenn sie sich doch einmal geliebt haben. Ich denke, es ist das Unverständnis, das daraus resultiert, dass man die sichtbare Handlung nicht verstehen kann, einfach weil einem der Bezug zum Innenleben des anderen fehlt.

Ich kann immer nur die Handlungen als solche wahrnehmen, aber nicht die Motivation. Es ist exakt so, wie wir es auch in der Welt beobachten: Die Planeten würden sich nicht bewegen, wie sie es eben tun, wäre da nicht ihr mikroskopisches Innenleben. Nur das können wir nicht wahrnehmen. Beides funktioniert jedoch nur zusammen. Für mich bedeutet das, dass ich zwar die Handlungen sehe, aber nicht weiß, warum der andere so handelt, wie er es tut. Psychische Krankheitsbilder als Erklärung zu bemühen halte ich nicht für hilfreich, denn solche Bilder beschreiben meist nur die Folgen, aber nicht die Ursachen.

In einer konkreten Situation hilft nur Pragmatismus: Man muss die Folgen soweit irgend möglich verhindern, vor allem jede Art der Eskalation. Als nächstes ist ein Ausgleich zwischen den jeweiligen Interessen zu finden. Wobei es hilfreich ist, sich nicht über Werte zu unterhalten, sondern über Fakten. Das ist für den äußeren Aspekt. Für den inneren hilft nur hören, was der andere zu sagen hat und ihn verstehen wollen – und nicht seine eigene Ansicht durchzusetzen zu suchen.

Erkannt hat das übrigens schon Einstein: »Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins. 

Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen.«

Eine Utopie, diese beiden Seiten des Lebens miteinander zu integrieren? Sicher nicht! Denn wir machen es immer wieder ganz selbstverständlich, jedoch nur wenn wir konditionierungsfrei denken, etwa wenn wir uns im Flow bewegen. Ich kenne das vom Motorradfahren. Da verbinden sich innere und äußere Welt ganz fraglos zu einer Einheit. Die Schwierigkeit ist nur, das, was da ganz von alleine geschieht, zu beschreiben und so zu verstehen, dass man das in jeder Lebenssituation anwenden kann.

Das ist die Nuss, die es zu knacken gilt.