Unmittelbarkeit und Ethik

Unmittelbarkeit ist der Wegweiser zu einem wesentlichen und wahrhaftigen Leben. Um tatsächlich an das Ziel kommen zu können, braucht es noch die Freiheit von jeglicher Selbstbezogenheit. Das eine ist ein praktisches und durchweg reales Thema, das andere ist eine Frage des inneren Weltbildes. Beides gehört untrennbar zusammen, will ich im Einklang mit der Welt und mir selbst leben.

Die Yakuza sind ein gutes Beispiel dafür, dass Menschen perfekt in dem sein können, was sie tun, dabei jedoch ethisch alles andere als korrekt handeln – ein Phänomen, dass es in der Tierwelt meines Erachtens nach nicht gibt. Da ich mich aber mit den körperlichen Fähigkeiten der Yakuza absolut nicht auskenne, wechsle ich bei diesem Thema zu den Motorradfahrern – da kenne ich mich nämlich aus. Und auch da gibt es die „ethisch Inkorrekten“.

Es geht also um die Fähigkeiten eines Menschen und seine Ethik. Nur wenn beide harmonisieren, können sie ein perfektes Team sein. Es ist dieses „Team“, das uns Menschen ausmacht. Sind beide ideal, ist es auch der Mensch – aber auch nur dann.

I – Die Unmittelbare Präsenz

Wie lernt man Motorradfahren? Ganz einfach, indem man Motorrad fährt. Ganz pragmatisch. Ich kann mir theoretisches Wissen aneignen, doch nur die Erfahrung bringt mir bei, wie ich Motorrad fahren sollte.

Es ist so, wie Seung Sahn, ein südkoreanischer Zen-Meister, es formuliert hat:

„Wenn Sie verstehen wollen, was eine Wassermelone ist, nehmen Sie eine Wassermelone, holen Sie sich ein Messer und schneiden Sie die Wassermelone. Dann stecken Sie eine Scheibe in ihren Mund. Boom! Ihre Erfahrung!“

Nur in diesem unmittelbaren Gewahrsein entfaltet man sein Potential. Und das ist nicht nur beim Motorradfahren so, sondern überhaupt. Auf dem Motorrad habe ich das begriffen. Seither suche ich so auch zu leben.

Der Zivilisationsballast, den Nikolaus Gerdes in dem „Sturz aus der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit“ sehr gut beschrieben hat, fällt regelrecht von einem ab. Doch niemand muss deswegen Motorrad fahren, jede Tätigkeit ist „richtig“, die einen in einen Flow bringt. Man braucht eine entsprechende Erfahrung nur genau zu analysieren – und auf das alltägliche Leben zu übertragen.

II – Das Weltbild

Mein Weltbild war früher philosophisch geprägt. Doch mit der Begegnung mit Ch’an wurde mir klar, dass das zu kurz gedacht ist. Mein Weltbild kann nur ein Spiegel der Welt sein, wie sie wirklich ist – und nicht wie ich sie mir vorstelle. Ch’an half mir, die Welt und vor allem mich selbst zu sehen, wie ich wirklich bin – und nicht, was ich darüber denke.

Als ich über die Erkenntnisse der Quantenmechaniker „stolperte“ machte mir das deutlich, dass ich immer noch in einer gedanklichen Blase lebte – nur nicht in der Welt, wie sie wirklich ist. Die Blase bestand darin zu glauben, dass meine Sicht der Dinge objektiv sein könnte. Was nicht bedeutet, dass ich Dinge objektiv wahrnehmen könnte. Eine spannende Erkenntnis.

Es gibt einfach keine Objektivität, der Beobachter ist immer mit im Spiel. Beobachtung beeinflusst Wirklichkeit. Wir beziehen das gerne auf materielle Dinge, übersehen dabei aber, dass wir gleichfalls „nur“ aus Atomen und letztlich aus Elementarteilchen bestehen.

Die Welt ist nicht relativ, aber meine Wahrnehmung ist es. Das alles konnte ich erkennen, weil ich – warum auch immer – bereit war, mich darauf einzulassen und es zu erfahren. Das half mir zu erkennen und zu erfahren, dass die Welt eben nicht fragmentiert ist. Es geht ausschließlich um Erfahrung! Das – und nicht das vorausgehende Wissen – ist das Wesentliche und Eigentliche.

III – Das Fazit

Ich stellte mir (endlich) die Frage, was „Denken“ überhaupt ist – was mich letztlich mich selbst und die Welt ganz anders verstehen ließ. In der Folge änderte sich mein Selbstverständnis und damit auch mein Verständnis von Beziehungen. Dinge, die ich bisher als nebensächlich wahrgenommen hatte, waren mit einem Mal zentral. Wie etwa das Thema „Flow“.

Je mehr ich mich darauf einließ, desto klarer konnte ich erfahren, wie sehr ich meine Realität unmittelbar beeinflusste – und damit die Realität an sich. Vor allem aber nahm ich meine Verbundenheit mit der Welt wahr, was mich mich ganz anders als bisher verhalten ließ.

Dieses Weltbild hat meine Ethik unmittelbar geprägt, so wie das Motorradfahren mein Verständnis vom „richtigen“ Leben.

Das einzige Zen,
das man auf den Gipfeln der Berge findet,
ist das Zen, das man dort hochbringt
.“ 
Robert M. Pirsig

Das Interessante ist, was Ch’an und Quantenmechanik verbindet: Sie untersuchen die Wirklichkeit, aber sie definieren sie nicht, sie beurteilen und verurteilen nichts. Ch’an hat diese Haltung schon immer, die Quantenmechanik erst, seit es sie gibt – ganz anders bei der klassischen Physik.

Vielleicht war das auch die Schwierigkeit, die die Quantenmechaniker mit ihren Erkenntnissen hatten. Sie beschrieben zwar eindeutige Dinge, nur ließen die sich nicht mehr in der bisher gewohnten Weise definieren.