Und ich?

Die Angst vor sich selbst. Eine Angst, die auch ich lange Zeit verdrängt habe. Es ist die Angst, dass ich selbst kein Jota besser sein könnte oder vielleicht sogar bin als mein Vater, der im sogenannten Dritten Reich Menschenversuche organisiert und möglicherweise auch selbst durchgeführt hat. Natürlich denke ich nicht was er gedacht hat, wie auch. Doch habe ich nicht durch ihn denken gelernt und damit seine Denkstrukturen mehr oder wenig unreflektiert übernommen?

Bewusst wurde mir das, als ich mich wirklich auf die Gedanken von Hannah Arendt über die Normalität des Bösen in der NS-Zeit einzulassen begann ,mehr darüber las und entsprechende Filme anschaute. Eines wurde mir sehr schnell klar: Auch mein Vater war kein Monster, sondern ein ganz normaler Mensch. Das macht es für mich jedoch nicht einfacher, nicht weniger belastend, sondern exakt das Gegenteil: Es machte es für mich viel schwerer, belastender.

Wäre mein Vater ein Monster gewesen, dann hätte ich mich einfach umdrehen und weg- oder weitergehen können. Doch wenn er ganz normal war – wie ich auch – dann bedeutet das, dass ich in der „richtigen“ Situation zu vergleichbaren Handlungen fähig wäre wie mein Vater, einfach, weil mir bis dahin nicht bewusst war, mit welchen Denkstrukturen er gedacht hat. Die Frage ist, wie er gedacht haben muss, um solche Dinge tun zu können – immer mit dem Wissen darum, dass er wie die meisten seiner Zeit in seiner Position war und auch wie viele von ihnen dachte.

Bei einer Veranstaltung in Neuengamme erkannte ich, dass sich scheinbar niemand fragte, nicht was, sondern wie die Menschen damals dachten. Die Frage danach blieb unbeantwortet, was mir klar machte, dass darin ein elementares Problem steckt. Ich begriff, weshalb die Gedanken von Hannah Arendt von so vielen abgelehnt wurden. Es war ganz einfach: Wenn sie recht hatte, dann bedeutet das, das jeder potentiell zu dem Gleichen fähig sein kann oder vielleicht sogar ist. Wer aber will das gerne wissen und ist dann auch noch bereit, das für sich selbst anzunehmen und sich auf die Suche nach einer Lösung zu machen? Kaum einer! Und exakt das ist das wirkliche Problem: Es betrifft jeden, wirklich jeden!

Doch wie dazu Antworten beziehungsweise Lösungen finden? Und wozu, wenn ich doch anders denke, solche Dinge für mich ausschließe? Macht das dann überhaupt Sinn? Die Philosophin Ina Schmidt hat dafür eine pragmatische Lösung: Weil wir dazu in der Lage sind macht es Sinn. Es beginnt damit, dass ich mir darüber im Klaren sein muss, dass ich nie (!!) bewusst handle, sondern immer nichtbewusst. Ch’an-Menschen sind sich ja schon lange der Tatsache bewusst, dass  nur implizites Wissen wie Denken zu wirklichem Handeln führt. Explizites Wissen und Denken können wir einfach nicht in Handlung umsetzten, auch wenn wir das gerne so sehen würden.

Wirklich handeln können wir nur implizit. Das ist der unumstößliche Ausgangspunkt. Das wirft die Frage auf, wie ich etwas bewusst gestalten kann, was mir selbst aber nicht bewusst ist. Mir fällt da eine vielleicht etwas obskurer Vergleich ein. Aber es ist absolut vergleichbar. Als Motorradfahrer brauche ich grundlegendes Wissen, wie man am besten um eine Kurve fährt. Aber das nützt mir nichts, solange es kein implizites Wissen geworden ist. Also üben und nochmals üben, solange, bis ich es intus habe. Doch damit hört es nicht auf, ich muss das Richtige immer im Bewusstsein haben.

Also nicht darüber nachdenken, sondern in meinem Denken und Handeln präsent werden lassen. Schwierig zu umschreiben. Ich brauche „nur“ die entsprechende Propriozeption, also die unbewusste Präsenz im Denken. Eine Lebensaufgabe. Als Erstes wäre zu klären, wie man korrekt denkt, ohne in Fallen zu laufen.